Der Nächste bitte!

Das ich in den vergangenen Monaten mit Problemen zu kämpfen hatte, ist hinlänglich bekannt. Das ich damit nicht alleine stehe auf dieser Welt war mir schon klar. Nun verfolge ich ja eine noch recht überschaubare Anzahl von Laufblogs und schon in zwei weiteren lese ich von Problemen zumindest ähnlicher Art. Das ist schon eine recht hohe „Dichte“.

„Streß“ und „Burn out“ sind schon zu Schlagworten unserer Zeit geworden. Auch wenn das nicht konkret meine Problematik gewesen ist, sehe ich mit zunehmenden Unbehagen wie wir scheinbar dabei sind uns sehenden Auges zu Grunde zu richten. Immer mehr Arbeitsverdichtung, immer schneller getaktet, bis auf die letzte Sekunde durchcontrollt. Wir sprechen von „human resoures“, welch schrecklicher Ausdruck.

Steigerung des Wachstums, immer mehr, immer höher, immer schneller, immer weiter. Wer nicht vorne ist verliert. So hetzen wir durch diese Welt. Getrieben von Ehrgeiz und/oder der Furcht zurückzufallen.

Wir Deutschen sind da mal wieder extremer als fast alle anderen Völker der Welt. Über Jahrzehnte haben wir uns in diesem Land einen Wohlstand erackert, der es uns durchaus erlauben würde mal einen Gang zurückzuschalten um diesen hohen Lebensstandard auch mal zu geniessen. Es geht auch garnicht darum, die Füße hochzulegen, sondern lediglich darum etwas den Druck vom Kessel zu nehmen. Aber nein, es wird malocht für den SUV vor der Tür, für den Reitunterricht der lieben Kleinen, für das Haus und für die Kreuzfahrt auf der Aida.

Wir können uns alles leisten, aber haben keine Zeit mehr füreinander. Die Kinder erhalten statt Zuwendung und Zeit Klamotten von Esprit und I-Phones. Wir wollen alles jetzt und sofort, können auf nichts warten, Vorfreude ist Zeitverschwendung.

Wir sind der Meinung, dass man uns im Ausland bewundert. Stimmt das wirklich? Oder schüttelt man vielleicht schon den Kopf? Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Dabei ist unserer eigenes Wesen längst krank.

Selbst im angeblichen Elfenbeinturm des öffentlichen Dienst geht es nur noch um den Treppenmarathon.

Ganz nebenbei soll die Lebensarbeitszeit erhöht werden. In einem gemütlichen Arbeitstempo mag das funktionieren, aber nicht so wie es heute zugeht in der Arbeitswelt. Ein 50 Jahre alter Lanz-Bulldog tuckert auch noch in weiteren 50 Jahren. Ein immer auf Hochtouren gefahrender Porsche dürfte das wohl kaum schaffen. Das Niedriglöhner und Leiharbeiter trotz massiver Malocherei kaum von ihrem Einkommen leben können ist noch ein ganz anderes Thema.

So braucht es uns nicht zu wundern, wenn wir umfallen wie die Fliegen. Psychologen und Therapeuten sind ausgelastet und überlastet. Hier in Oldenburg mußte ein Psychotherapeut einer guten Bekannten von mir die Termine absagen, weil er an Burn out erkrankt war. Wenn schon die Fachleute am Stock gehen, was soll man dann von uns erwarten?

Dabei sind wir Opfer und Täter zugleich, werden getrieben und treiben. Lassen uns im Job unter Dauerdruck setzten, machen uns Freizeitstreß. Aber wenn wir im Supermarkt an der Kasse oder im Amt mal fünf Minuten warten müssen, sind wir stinksauer und geben es an die entsprechenden Menschen gleich weiter.

Die einstige Servicewüste Deutschland hat sich längst zum Service-Overkill entwickelt. Nach Qualität fragt da keiner…

Manchmal sollten wir mal über unseren Tellerrand hinausschauen. In anderen Ländern ist das durchaus entspannter. Und die leben auch nicht alle in Sack und Asche.

Können wir selber was ändern? Sicher nicht alles, schließlich können wir uns mancher Fremdsteuerung nicht entziehen, aber jeder kann sich arbeiten! Ob uns eine Trendumkehr gelingt?

Advertisements

10 Kommentare zu “Der Nächste bitte!

  1. Mit Deinem Bericht sprichst Du sicherlich ein Problem an, dass immer mehr an Bedeutung gewinnt. Da bin ich bei Dir und gebe Dir absolut recht. Was aber war oder ist nun Dein persönliches Problem?

    • Ich hatte über Jahre Dauerärger mit meinem direkten Vorgesetzten. In den letzten Monaten artete das in direktes Mobbing aus. Deshalb bin ich in eine Depression gerutscht, aus der ich jetzt so langsam wieder herauskomme, da man mir einen anderen Job gegeben hat.

      LG nach HB
      Volker

  2. Tja, und hier bin ich gleich noch mal.
    Das gesamte Problem lösen kann keiner. Die einzige Lösungsmöglichkeit, die ich sehe, ist dass jede/jeder auf sich selbst schaut und halt gelegentlich mal hinterfragt, was denn im eigenen Leben wichtiger ist. Der Luxusschrott, der angehäuft wird, oder die persönliche Wohlfühldosis an Freizeit und Freiheit.
    Aber das ist schwierig, wie ich in den letzten Jahren feststellen durfte. Ich war ja im Gesundheitspräventionsbereich selbständig – hatte allerdings keinen großen Erfolg damit. Deswegen bin ich wieder ins Angestelltendasein zurückgekehrt. Das „Problem“ war nämlich, dass ich als Lebensberaterin ja nur präventiv oder begleitend arbeiten durfte. Menschen lernen aber lieber erst aus ihren Fehlern, wenn es schon gekracht hat und dann brauchen sie ärztliche oder therapeutische Unterstützung…

    Hoffe jedenfalls für dich, dass du in deiner Auszeit die Möglichkeit hattest rauszufinden, was du brauchst, damit es dir gut geht!
    LG Doris

    • In Bezug aud die einzige Lösungsmöglichkeit bin ich ganz Deiner Meinung. Es wird kaum jemand anderes auf Dich acht geben als Du selbst.

      Ich hatte im Anfang meiner Depression auch überlegt, ob eine Selbständigkeit in dem gleichen Bereich für mich in Frage kommt. Aber genau wie Du habe ich das Problem gesehen, dass die Leute es selber bezahlen müssen und dann solange warten bis das Kind in den Brunnen gefallen ist, um dann zu Ärzten und Therapeuten zu gehen. Bei mir war es ja nicht anders.

      Rausgefunden was ich brauche habe ich schon, ob man es bekommen kann ist dann die ganz andere Frage. Im neuen Job sieht es aber erstmal sehr gut aus 🙂

      Dir wünsche ich, dass Du im „neuen“ Angestelltendasein schnell Fuß fast und Dich darin wohlfühlst.

      LG Volker

  3. Lieber Volker,

    ich sehe es ähnlich, allerdings ist meine persönliche Meinung, was die Krankheitsentität „burn-out“ betrifft sehr kontrovers und ich will es auch nicht breittreten. Allerdings kann ich Dir in Deinen Ausführungen folgen und zustimmen. Auszeiten sind gut und nützlich, ob es nun den Beruf, Privates oder sogar die Freizeitgestaltung betrifft. Besinnung und Veränderung sind jedoch ein langwieriger Prozess, Problemerkennung und -bewältigung dauern oft noch viel länger, manchmal zu lange 😎
    In diesem Sinne wünsche ich v.a. Dir immer die Erkenntnis und gute Freunde an Deiner Seite und möchte mich hier auch nochmals für Deine Mail bedanken, habe sie erst spät gelesen, dennoch hat sie mir unheimlich gut gefallen und für diese Worte und Gedanken kann ich mich nur bedanken…

    Salut

    C.

    • Lieber Christian,

      ich freue mich ganz besonders von Dir zu lesen. Was das „Burn Out“ betrifft, ist es sicher auch im hohen Maße eine Sache der persönlichen Einstellung und zu welchem Typus Mensch man gehört. Dieses Thema würde ich gerne mal kontrovers mit Dir diskutieren. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit irgendwann nochmal z. B. bei einem langen gemeinsamen Lauf?? 😀

      Wie lange Besinnung, Veränderung, Problemerkennung und -bewältigung dauern können, erfahre ich gerade am eigenen Leibe. Manches wird man sicher auch nie zu 100% in den Griff bekommen, weil man halt einfach auch so ist wie man ist. Ich durfte und darf mich über überwältigend engagierte professionelle wie auch privater, freundschaftlicher Hilfe freuen. Sonst wäre ich mit absoluter Sicherheit noch nicht wieder da, wo ich jetzt bin.

      Nach Deinem letzten Post war mir die E-Mail ein dringendes Anliegen. Auch wenn wir uns nicht persönlich kennen, bist mir für mich ein wichtiger Mensch, ein Freund geworden und ich hoffe, dass es Dir zwischenzeitlich wieder besser geht.

      Moin Moin!
      Volker

      .

  4. Die Arbeitswelt ist wieder eine schwierige geworden … im vorvorigen Jahrhundert war sie es, weil viele Menschen körperlich über ihre Grenzen gehen mussten, zwischendurch gab es – für viele – eine luxeriöse Zeit, jetzt nimmt die Belastung in vielen Jobs wieder extrem zu, allerdings zuerst im seelischen Bericht … bis irgendwann auch der Körper schlapp macht! 😦

    Ich glaube wie Doris, man muss selbst die Verantwortung für sich übernehmen und schauen, wie man aus dem Hamsterrad aussteigt, wenn es zu viel wird. Und manchmal braucht’s einen kritischen Blick von außen, um zu erkennen, dass man auf das falsche Gleis gerät. Für mich ist das Arbeiten ohne kollegiale oder phasenweise professionelle Supervision nicht vorstellbar … und zur Supervision gehört auch, dass andere einem helfen zu erkennen, wann und wodurch bedingt man zu hochtourig läuft!

    Zum Glück hast du dich wieder „bekrabbelt“ … unsere Bloggerfreunde bekommen das hoffentlich sehr bald auch hin!

    Liebe Grüße
    Anne

    • Die Arbeitswelt ist wirklich wieder eine schwierige geworden und wir stehen nun wirklich nicht alleine in der Welt. Das weiß ich alles. Aber der moderne Gesellschaft rühmt sich um all das Wissen in Bezug auf die Prozesse im Berufsleben. Jedes Unternehmen, was auch sich hält, bietet entsprechende Schulungen für seine Mitarbeiter an. Man erarbeitet Dienstvereinbarungen für Mobbing, Teamarbeit, Supervisionen und wer weiß was noch alles. Aber im „Ernstfall“ bleibt es dann doch alles graue Theorie. Das habe ich ja nun gerade erste bitter erfahren müssen.

      Ich wünsche Dir sehr, dass diese Instrumente bei Dir auf der Arbeit funktionieren.

      Ich habe mich bekrabbelt, unsere Bloggerfreunde werden es auch schaffen. Traurig nur, das es überhaupt erst soweit kommen mußte.

      Liebe Grüße
      Volker

  5. Ich bin ganz genau deiner Meinung. Auch bei uns ist das Thema „Burn-out“ in aller Munde und die Betroffenen werden immer mehr. Du hast das in deinem Bericht ganz toll aufgearbeitet, eine grundsätzliche Lösung wird es dafür aber nicht geben. Wie bereits in anderen Kommentaren geschrieben wurde, bin auch ich der Meinung, dass der Mensch so lange macht, bis es ihn eben umhaut und erst dann wird über die Konsequenzen des eigenen Tun und Handelns nachgedacht und ernsthaft etwas verändert. Mann/Frau will eben einfach alles und Mann/Frau will auf nichts verzichten. Langeweile? nein danke, Mann/Frau könnte ja etwas sensationell wichtiges im Leben verpassen.

    Schön, dass es dir wieder besser geht und hoffen wir, dass du es im neuen Job mit angenehmeren Vorgesetzten zu tun hast!

    Liebe Grüsse
    Hugo

    • Es natürlich auch sehr viele, wenn nicht gar die Mehrkeit, die nicht aus Konsumsucht sondern durch den Druck und Streß auf der Arbeit über ihre Grenzen hinaus getrieben werden. In erster Linie liegen mir diese Menschen am Herzen. Aber es wird wohl in der Tat dabei bleiben, dass jeder für sich selbst erkennen muß, wenn das Ende der Fahnenstange erreicht ist.

      Nach drei Wochen wage ich zu beurteilen, dass es im neuen Job ganz gut aussieht. Hoffen wir, dass es so bleibt 🙂

      Liebe Grüße
      Volker

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s