Knastfrust

Einen Halbmarathon wollte ich heute laufen und zwar einen ganz speziellen. Ausgerichtet wurde er und die volle Marathondistanz in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Oldenburg. 80 Teilnehmer sind dazu im strömenden Regen angetreten, die meisten über die Halbmarathondistanz und ca. ein gutes Dutzend über die berühmten 42,195 km. Das Verhältnis zwischen Gästen und Gefangenen soll ungefähr Hälfte/Hälfte betragen haben.

Nach eingehender Eingangskontrolle, die ungefähr mit einer Flughafenkontrolle vergleichbar ist, und der persönlichen Dinge wie Handy, Digi-Cam und Portemonnaie beraubt, ging es in kleinen Gruppen zur Sporthalle der JVA. Im Vorraum der Sporthalle bekamen wir die Startnummer und berappten die mit 7 € günstige Startgebühr. Dort konnte man auch noch in Ruhe einen Tee trinken, um sich dann in der Sporthalle umzuziehen. Dann ging es hinaus in den unerbittlichen Regen. Nach einigen kurzen Begrüßungsworten wurde schnell der Lauf gestartet, der auf einer 1000 m-Strecke durch das JVA-Gelände führte.

Damit begann für mich ein unsäglicher Lauf. Von den ersten Metern an hatte ich niegekannte Probleme mit der Atmung. Ich rang nach Luft wie ein Ertrinkender, atmete durch den Mund ein und aus, was sonst ich nie tue. Ich fühlte mich als würde ich hyperventilieren und der Kreislauf spielte verrückt. Auf den ersten drei Runden hatte ich mehrmals das Gefühl umzukippen und dachte schon daran auszusteigen. Dann aber beruhigte sich das ganze etwas und ich lief weiter. Jegliches Tempo hat ich schon rausgenommen.

Bei KM 7 blieb ich am Getränkestand kurz stehen um etwas zu trinken und die Atmung noch weiter unter Kontrolle zu bekommen. Obwohl ich keinen Pulsgurt um hatte, spürte ich, dass mein Puls raste, das Herz bis zum Hals klopfte. Trotzdem liefen die nächsten Kilometer so einigermaßen. Meine eigentliche Sorge, dass meine rechte Fußsohle wieder Mucken macht, trat völlig in den Hintergrund, ich habe sie nicht einmal gespürt.

Aufgrund dieser Maleschen war ich so mit mir selbst beschäftigt, dass ich von dem besonderen „Ambiente“ garnicht viel mit bekam. Die Strecke führte ca. 400 m über Rasen, der teilweise unter Wasser stand, die Füße waren ruckzuck klitschnass und der Dreck spritzte nur so die Waden hoch.

Auch das besondere Publikum, das hinter den vergitterten Fenstern anfeuerte und johlte, konnte ich nicht so richtig wahrnehmen, zumal ich durch meine verregnete und beschlagene Brille eh nicht viel gesehen habe. 10 km durchlief ich in grottigen 1:03:53. Ab Kilometer 13 meldete sich wieder der Kreislauf und es kribbelte in den Gliedern. Einzig und allein die Beine machten unbeirrt ihren Job. Auf dem 16. Kilometer fing dann noch der Magen an zu drücken. So habe ich den Lauf mit Vollendung des 17. Kilometer schweren Herzens abgebrochen.

Das brachte mir garnichts mehr, der Lauf hat mir nicht eine Minute Spaß gemacht und war zum Großteil Quälerei . Geknickt und gefrustet schlich ich zurück in die Sporthalle.

Nach dem Duschen drückte ich mir noch zwei Stücke Kuchen in meine maladen Magen und trank einen Becher Pfefferminztee.

Die Veranstaltung selber ist super organisiert und es geht dort beinahe familär zu. Die Streckenverpflegung hatte den üblichen Standard und es gab anschließend ein Kuchenbüffet mit Kaffee und Tee. Gäste und gefangene Läufer waren nicht auseinander zuhalten.

Anschließend hatte ich das Glück, in einer kleinen Gruppe von einem Justizbediensteten die gesamte Anstalt gezeigt zu bekommen. Das war schon sehr interessant, sich das mal alles ansehen zu können. Ich war zwar dienstlich schon viermal in der JVA, aber da gab es logischer Weise keine Führung.

Zu guter Letzt, als ich zusammen mit einem anderen Läufer die JVA wieder verlassen habe, schien dann auch noch wieder die Sonne. Zu diesem Zeitpunkt drehten die letzten Marathonläufer immer noch ihre Runden.

Apropos Marathon: Drei Wochen vor dem Frankfurtmarathon war der heutige Lauf für mich der Mega-GAU. Ich sitze hier und schreibe mit Kopfschmerzen und Druck im Magen. Für das läuferische Selbstvertrauen war das heute alles andere als erbaulich.

Andererseits stecke ich den Kopf jetzt auch nicht in den Sand. Ich gönne mir ein paar Tage Laufpause und gucke dann nochmal was geht. In Frankfurt werde ich starten, sofern mich da jetzt nicht irgendeine Krankheit erwischt hat, und laufen solange es geht, wenn möglich bis ins  Ziel. Die Zeit ist mir jetzt schon völlig egal.

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20 Kommentare zu “Knastfrust

  1. Klingt als wenn dei Körper irgendwas ausbütet. Ist aber fast nicht tragisch, Training ist im Prinzip durch und in drei Wochen bist du wieder fit.

    Toi toi toi

    • Möge es so sein. Ich hoffe es auf jeden Fall, dass ich Frankfurt auch ohne zwei Wochen weiteres intensives Training gewuppt kriege.

      Ich danke Dir, Jörg!

  2. Ich gebe Jörg recht: Sowas lässt sich eigentlich nur durch einen Virusinfekt erklären, den dein Körper ausbrütet! Erstaunlich, dass der Kuchen im Magen blieb!

    Lass dich durch dieses Negativ-Erlebnis nicht verunsichern! Du hast super trainiert und deine läuferischen Hausaufgaben für Frankfurt gemacht! Der Fuß hat ohne Murren gehalten, das war wichtig. Die Probleme gehen einfach auf eine besch### Tagesform zurück! Mach nur nicht den Fehler zu denken, du müsstest nach deiner Genesung trainingstechnisch irgendwas nachholen. Du kurierst dich jetzt aus … und in 3 Wochen läufst du dann strahlend in Frankfurt über den blauen Teppich!

    Gute Besserung wünscht mit einer dicken tröstenden Umarmung,
    Anne

    • Bis auf Kopfschmerzen merke ich augenblicklich nichts weiter. Es wäre mir sogar lieb, wenn der Körper etwas ausbrütet, dann hätte ich wenigstens eine Erklärung für den heutigen Schlag ins Wasser.

      Nachgeholt bekomme ich das eh nicht mehr. Ich hege einfach keine großen Erwartungen an den Marathon und werde sehen was geht.

      War der Teppich nicht rot?

      Danke für die Umarmung, tut gut!!!

      Liebe Grüße
      Volker

  3. Ach, lieber Volker, das ging ja vollkommen in der Hose, wenn es schon von Anfang an nicht richtig läuft, der Puls Kapriolen schlägt und überhaupt – das kann vorkommen, 10 Kilometer sind auch für dich wohl (auch) nicht das Gelbe vom Ei !!

    Ein schlechter Tag – Punkt. Morgen kann wieder alles ganz anders sein – oder du brütest tatsächlich etwas aus.

    Wie auch immer, das kann und darf dich nicht erschüttern, die Welt dreht sich weiter und du mit. Mann hat halt seine Tage – wie Frau auch !

    Auch von mir eine tröstende Umarmung – wenn das nicht gut tut, von zwei Läuferinnen gedrückt zu werden, was dann ? 😉

    • Das ist wohl vollkommen in die Hose gegangen, obwohl ich bis zum Start an mir nichts gemerkt habe. Nützt nichts, gewesen ist gewesen, shit happens. Die Welt dreht sich weiter, zum Glück.

      Ne, 10 km sind nichts für mich, deswegen sollte es ja auch ein Halbmarathon werden 😉

      Und ob das gut tut, am besten gleichzeitig, die eine links die andere rechts. Oh wie schön, weitermachen 🙂

  4. Hallo Volker,
    ach das tut mir leid, dass es dir so elend erging. Aber ich kann mich da auch nur Jörg und Anne anschließen. Das klingt wirklich nach einem Infekt, der halt deinen Körper jetzt mit was anderem auf Trab hält, so dass im Moment nicht so viel Energien fürs Laufen übrig sind.
    Laß den Kopf nicht hängen, gönn dir ein paar Tage Pause, die schaden dir auf keinen Fall und bis Frankfurt ist alles wieder gut!
    Lieben Gruß und gute Besserung, Doris

    • Schaun wir mal, wie ich schon bei Anne schrieb, wäre schön, wenn es ein Infekt wäre, dann hab ich zumindest eine Erklärung für heute.

      Ein paar Tage Pause gönne ich mir jetzt. Die letzten beiden Läufe davor waren ja auch nicht so dolle und bevor ich mir mit einem weiteren schlechten Lauf meine Laufpsyche gänzlich runiere, mach ich erstmal einen Stop.

      Danke und lieben Gruß
      Volker

  5. Lieber Volker,

    das tut mir echt leid, scheint ja an sich eine tolles Event zu sein und dann kannst Du das nicht mal genießen, echt schade 😦 Aber Du scheinst wohl echt was auszubrüten und wahrscheinlich wäre es besser gewesen schon früher Schluß zu machen, aber Du hast es ja dann noch eingesehen. Kurier Dich aus und gräm Dich nicht, Frankfurt wird ein Spaziergang und bis dahin bist Du wieder fit, lieber jetzt ein Infekt als in 2 Wochen.
    Wenn die Damen Dich drücken, drück ich Dich einfach auch mal, vielleicht hilft es ja 😉

    Salut, Du kannst es gebrauchen

    Christian

    • Lieber Christian,

      das Event ist halt mal ganz was anderes. Irgendwie sind diese 21 Runden sogar recht kurzweilig, das hätte ich mir schlimmer vorgestellt. Wenn die Form stimmt, macht das bestimmt richtig Spaß. Außerdem darf man ja wieder raus, auch sehr wichtig 🙂

      Ich habe echt mit mir gerungen, was das Aufhören anbelangt. Stimmt, wäre ich früher ausgestiegen, wäre das sicher kein Fehler gewesen. Nun denn, es ist so gekommen, wie es gekommen ist.

      Lieber jetzt als kurz vorm Marathon ist auch richtig. Wird schon alles schiefgehen.

      Noch jemand, der mich drückt. Bekomme ja gleich schon wieder keine Luft mehr 😉

      Ganz lieben Dank, Christian

      Moin Moin
      Volker

  6. Das ist schon echt ne lustige Sache. Da könnte ich mich sogar mal für ne Bahn begeistern.

    Das mit den Atem/Kreislaufbeschwerden habe ich auch manchmal bevor ich krank werde. Sofort ist der Puls oben und man hat das Gefühl einfach nicht genug in den Körper pumpen zu können. Es wird dir nichts anderes übrig bleiben als es hinzunehmen und die nächsten Tage bisschen tempo rausnehmen. aber das wolltest du ja eh. Bei mir hat das immer ein paar Tage gedauert, dagegen anzulaufen war meist sinnlos.

    Ich drück dir mal die Daumen das gesund bleibst!
    LG
    Daniel

    • Der Lauf wird nächstes Jahr wieder stattfinden. Soll ich Dich im kommenden Jahr mit anmelden? Du bist herzlich willkommen!

      Irgendwas muß bei mir im Busch sein, sowas habe ich noch nie erlebt. Jetzt werden erstmal ein paar Tage die Füße stillgehalten. Dann seh ich weiter. Dagegen anzulaufen würde mir nur den Rest geben.

      Danke Dir, Daniel

      LG Volker

  7. Ohje, das hört sich ja schlimmer als bei mir an! Lass den Kopf jetzt nicht hängen. So eine vergeigte Generalprobe ist vielleicht gar nicht so schlecht. Den Marathon hast Du drauf, das weißt Du, und das wissen wir.

    Frankfurt wird sicherlich auch einfach zu laufen sein. Kein Matsch, keine kleine Runden, begeistertes Publikum…

    Ruhe Dich ein bisserl aus, dann geht es mit neuer Energie weiter.

    Grüße -timekiller-

  8. Mein lieber Scholli was machst du für Sachen? Dein Körper ist wohl im Moment etwas überfordert und sehnt sich nach Ruhe. Nimm sie dir bevor es noch mit deiner Leistung deutlicher in den Keller geht.

    Wie wäre es mit Kontaktlinsen für eine bessere Sicht?

    • Ich hatte auch erst die Befürchtung vielleicht ins Übertraining geraten zu sein, aber da ist was anderes im Busch. Ich lass mich heute mal beim Hausarzt blicken.

      Kontaktlinsen vertrage ich als Allergiker leider nicht 😦

      Liebe Grüße
      Volker

  9. Pingback: Lust und Leiden « DocRunners Laufblog

  10. Zu allererst hoffe ich, daß Du nichts Schlimmes ausbrütest. Der Lauf selber war aufgrund des „Ambientes“ sicher dennoch eine interessante Erfahrung für Dich, also sicher keine verlorene Zeit. Aber natürlich, richtig geniessen kann man so etwas mit einem maladen Magen nicht. Aber Du hast das Beste daraus gemacht, und darauf darfst Du stolz sein.

    Ich drücke Dich jetzt absichtlich nicht, weil Du schon von Anne, Ultra und Christian in Beschlag genommen wurdest – will Dir ja nicht die Luft abdrücken 😉
    Alles Gute für die weitere Vorbereitung auf Frankfurt!

    Liebe Grüsse,
    Wolfgang

    • Ich bin mir da leider nicht ganz sicher, was sich da bei mir abspielt 😦

      So einen Lauf erlebt man wirklich nicht alle Tage, wer wird alleine schon für die Teilnahme an einem Lauf sicherheitsgecheckt 😉

      Ich hoffe auf eine besser laufende Wiederholung im kommenden Jahr, aber das ist noch lange hin.

      Ausdrücklicher Dank fürs Nichtdrücken 😉

      Liebe Grüße
      Volker

  11. Ach Mensch….. 😦

    Wie die anderen ja auch schon sagten: Besser jetzt als in Frankfurt.

    Das mit dem Hausarzt ist eine gute Idee. Der soll dich mal auf den Kopf stellen und dafür sorgen, dass due für Frankfurt wieder fit wirst.

    • Diagnose ist gestellt, wenn die Behandlung schnell anschlägt, könnte das noch was werden mit Frankfurt. Noch gebe ich nicht auf, auch wenn die letzten Wochen vor dem Marathon jetzt definitiv sehr suboptibmal laufen.

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