Die Brücke

Einer meiner Lieblingsplätze ist eine Stufe zur Tür eines kleinen, schäbigen Technikgebäudes an der Hunte.

12.06.13 me1

Was diesen Ort so besonders macht, ist diese Aussicht …

12.06.13 Weitblick

… verbunden mit herrlicher Ruhe. Hier kann ich den Blick schweifen, die Seele baumeln lassen und meinen Gedanken nachhängen. Heute gingen meine Gedanken zu der Huntebrücke der A 29, die von dem Ort aus in einigen Kilometern Entfernung zu sehen ist. Ruhig und friedlich wie die ganze Umgebung liegt sie da. Auf diese Entfernung sehe ich nur die Lkw`s, die über die Brücke fahren, zu hören sind sie nicht. Nichts stört die Harmonie des Moments.

Wie anders ist die Wahrnehmung wenn ich die Brücke als Autofahrer benutze. Im Alltag schwindet der Blick für die Natur, er fokusiert sich auf den Verkehr. Vielleicht ärgere ich mich über irgendeinen, trotteligen Autofahrer, vielleicht stehe ich unter Termindruck und trete kräftig aufs Gas. Die Brücke ist nichts als ein Stück Autobahn. Funktionales Teilstück in unserer hektischen Welt.

Wieder eine andere Wahrnehmung ist es, wenn ich nach längerer Abwesenheit, aus dem Urlaub z. B., wieder nach hause fahre. Dann blicke von der Brücke aus dem Auto über das weite Heimatland, verbunden mit der Vorfreude in nur noch drei, vier Minuten später wieder zuhause zu sein.

Steht das Auto vor der Haustür und schlüpfe ich in die Laufschuhe, führen mich meine Laufstrecken nahezu immer an, unter oder in die Nähe der Brücke. Wieder ändert sich die Wahrnehmung, der Verkehr lärmt, ich höre das typische „Klongklong“ wenn die Autos und Lkw`s über die Abdeckplatten der Dehnungsfugen fahren. Benutze ich den Fußweg unter der Brücke, spüre ich wie die Brücke durch die Lkw`s zittert, wie sie lebt. Der Ausblick von ihr ist wunderbar.

Quäle ich mich auf meiner Laufstrecke an der Hunte geben den Wind, gibt sie mir, sobald ich in ihre Nähe komme, für eine kurze Zeit Windschutz und macht das Laufen für den Moment locker und leicht. Sie fordert mich, wenn ich die Treppe hochwetze und bietet mir im bescheidenen Umfang die Möglichkeit über die Rampen ein paar Höhenmeter zu laufen.

12.06.13 Huntebrücke1

12.06.13 Huntebrücke2

Die Brücke ist für mich Trainingsgerät und Ausflugsziel, sie ist für mich das automobile Tor zu Welt, sie ist das Symbol für das Nachhausekommen. Sie weckt Fernweh und nährt die Heimatgefühle. Sie ist aus hässlichem, grauen Beton, von Graffitis ver(un-)ziert.  Sie ist ästhetisch.

Was für vielfältige Gedanken zu der in einiger Entfernung friedlich daliegenden Brücke. Ich rappel mich auf von diesem schönen Platz, radel nach hause. Wenn der Nacken ruhig bleibt, gehe ich morgen, nein heute, wieder laufen. Egal welche Strecke ich da laufe, die Brücke wird in irgendeiner Form wieder dabei sein.

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18 Kommentare zu “Die Brücke

  1. Lieber Volker,

    ich kann Deine Gedanken so gut nachvollziehen und habe Deinen Text nun mehrmals gelesen. Du hast es wunderbar formuliert und beschrieben, es ist verblüffend, wie unterschiedlich unsere Wahrnehmung ist und wie sehr sie von unserer momentanen Situation, vom Gefühlsleben und auch von der Erinnerung abhängig ist.
    Ich wünsche Dir, dass Du bald wieder schmerz- und hoffentlich sorgenfrei unterwegs bist. Ich werde am Samstag oder Sonntag wieder einsteigen, leider war ich total beruflich überreizt 😦

    Salut mein Lieber
    Christian

    • Lieber Christian,

      manchmal überkommen mich solche Gedankenspiele … und irgendwie rückt mir diese Brücke ja tatsächlich fast täglich ins (Un-)Bewußtsein.

      Danke für die guten Wünsche. Dir wünsche ich, dass Du ab dem Wochenende Deine berufliche Überreizung gegen eine Sinnesüberreizung beim Laufen in der Natur eintauschen kannst

      Moin Moin
      Volk

  2. Ein poetischer, nachdenklicher Text, lieber Volker! Welche Bedeutung(en) eine „ganz normale“ Autobahnbrücke doch haben kann! Und wie unterschiedlich man sie wahrnimmt …

    Toitoitoi für den Nacken! Deine Laufschuhe rufen schon! 🙂

    Liebe Grüße,
    Anne

    • Ich war gestern einfach in der Stimmung für so eine Betrachtung und konnte sie Euch natüüürlich nicht vorenthalten 🙂

      Der Nacken gibt noch nicht auf. Aber den Ruf der Laufschuhe werde ich trotzdem wohl erhören 😎

      Liebe Grüße
      Volker

  3. Man liest aus deinen Worten, dass du Zeit hast, Zeit zum Reflektieren, Zeit zum Sehen, Hören, Genießen, Zeit, deine Wahrnehmungen in Worte zu fassen – das bringen unfreiwillige Pausen mit sich, ein positiver Effekt, wie ich meine.

    ….und bald wirst du sie wieder laufend entdecken……………….

    • Zeit, die ich mir im Alltag viel zu selten nehme. Ich sollte versuchen, mir das etwas zu bewahren.

      So hat alles auch immer seine positiven Seiten.

      Liebe Grüße
      Volker

  4. Arm ist dran, wer nicht über so eine Brücke verfügt. Es gibt auch einige ähnliche Landmarken für mich, die mehr sind als nur ein Steinkreuz oder ein Turm aus rostendem Stahl. Und die Treppenstufen am kleinen Biest sind ein weiterer Meditationspunkt für mich, die mich immr wieder an meinen verstorbenen Vater erinnern …

    Danke für die Anregungen, lieber Volker, und alles Gute für den Nacken. Für alles Andere sowieso.

    Liebe Grüße
    Rainer 😎

    • Plötzlich sieht man in dem Alltäglichen mal das Besondere. Ich denke, jeder hat solche Ort.

      Mein Vater hat mein jetztiges Zuhause nicht kennengelernt, deshalb kann ich so eine Verbindung leider nicht herstellen .-(

      Danke und liebe Grüße
      Volker

  5. Hallo Volker,
    beim ersten Foto habe ich noch gedacht: Lieblingsplatz? Hä?
    Aber das Zweite erklärt ja alles und jetzt kann ich es auch nachvollziehen 🙂
    Und wer hätte damals beim Bau der Brücke gedacht, dass sie mal als ein multiples Trainingsgerät fungiert.
    Gute Besserung in jeder Hinsicht und liebe Grüße
    Karina

    • Hallo Karina,

      so liebreizend können Lieblingsplätze aussehen 😉

      Beim Bau der Brücke war der Freizeitgedanke wohl noch nicht so ausgeprägt. Die Erbauer würden sich wundern. Ich bin ja bei weitem nicht der einzige, der die Brücke in dieser Form nutzt 😉

      Danke und liebe Grüße
      Volker

  6. Was man über eine Brücke alles schreiben kann! Respekt! Ich frage mich gerade ob ich mir auch solche Gedanken machen würde wenn es hier eine Autobahnbrücke gäbe.!? Eigentlich bin ich froh das hier keine Ist!
    Ich hoffe dein Lauf ist geglückt!

    • Tja, manchmal mache ich mir halt die unmöglichsten Gedanken.

      Bei aller Naturliebe, ich finde die Autobahn nebst Brücke in meiner Nähe ganz praktisch. Wenn ich mit dem Auto eine Reise tun oder sonst irgendwo hin will, bin ich immer ganz schnell auf der Bahn 😎

      Der Lauf ist geglückt. 14 km im Regen, herrlich! 🙂

  7. Hallo Volker,
    schööön! Dein Bericht klingt sehr nach Seele baumeln lassen. Das sind die wertvollen kleinen Auszeiten vom Alltag, die so gut tun. Und mir tat es gut, das zu lesen :).
    Lieben Gruß, Doris

    • Danke liebe Doris,

      das war wirklich Seele baumeln lassen und dann können die Gedanken schon mal auf Ausflug gehen 🙂

      Freut mich, dass es uns beiden gut getan hat 😎

      Liebe Grüße
      Volker

  8. Ich bin immer wieder beeindruckt vn der so ganz anderen Landschaft, wenn ich so was hier auch habe – nur anders

    Jörg

  9. Du hast das sehr schön geschrieben – Danke dafür! Es gibt gewisse Orte, Bauten etc mit denen man immer etwas Besonderes verbindet und die in unserem Leben einen besonderen Platz einnehmen. Auch wenn sie nur aus Stein und Beton sind….

    • Bauwerke können eine ganz individuelle Bedeutung oder auch Symbolik haben. Ich will das bei der Brücke nicht überbewerten. Wenn man sie morgen abreißen würde, wäre sie halt weg. Aber solange sie halt so präsent in meinem Leben ist, hänge ich auch etwas an ihr 🙂

      Liebe Grüße
      Volker

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