Immer an der Wand lang

Die 21,1 km eines Halbmarathon in 21 Runden zu laufen mache ich auch nicht alle Tage. Aber eine längere Strecke war innerhalb der Mauern der Justizvollzugsanstalt Oldenburg nicht hinzukriegen. Mit viel Engagement wurde dort heute von den Initiatoren die siebte Auflage des JVA-Marathon veranstaltet.

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Dazu sind auch Gäste von Außerhalb ausdrücklich eingeladen. Diese Gelegenheit nahm ich nach 2012 zum zweiten Mal wahr. Auf die Marathonstrecke wagten sich gerade mal 9 Versprengte. Dagegen war der Halbmarathon mit knapp 60 Teilnehmern stark besetzt. Die Mischung zwischen Inhaftierten, die aus verschiedenen Justizvollzugsanstalten kamen, und Gästen war dabei recht ausgewogen, was von den Initiatoren sehr begrüßt wurde. Punkt 10 Uhr klappte die hölzerne Startklappe und keiner hats gehört … Erst auf Zuruf setzte sich das bunte Völkchen in Bewegung 🙂

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Dabei erwies sich für mich das Rundendrehen als erstaunlich kurzweilig. Nur auf den ersten Runden hatte ich die Sorge es könnte langweilig werden. Aber die Sorge verflog schnell und ich kam gut in mein Tempo. 21 Runden bedeuteten auch ein Wechselspiel aus Überrunden und Überrundet werden. Die Zuschauer hinter ihren vergitterten Zellenfenster mit ihren Rufen sind dabei schon ein spezielles Publikum. Über so manchen Zuruf mußte ich aber herzhaft lachen. Für mich lief es bei perfektem Laufwetter allerbest. Ich konnte die gesamte Strecke gut und entspannt laufen und hatte keinerlei Probleme oder Durchhänger. Damit war dieser Lauf der absolute Kontrapunkt zu meiner JVA-Laufpremiere vor zwei Jahren, wo ich das erste Mal in meiner Läuferkarriere einen offiziellen Lauf nicht gefinisht hatte. Somit habe ich da heute auch noch eine Rechnung mit mir selber beglichen 🙂

Mein heimlicher Wunsch unter zwei Stunden ins Ziel zu laufen ist in Erfüllung gegangen. Im Ziel erwartete mich mein Lauffreund Hermann, der mich zuvor zweimal überrundet hatte und ungefähr eine Viertelstunde schneller war als ich. Nach dem Duschen konnten wir uns auf dem Sportplatz am reichhaltigen Kuchenbuffet, bestückt von Läufern, Bediensteten und Gefangenen, stärken. Kaffee und Tee inklusive. Dabei hatte man auch mal die Gelegenheit sich mit Inhaftierten zu unterhalten, die sich teilweise darüber wunderten, was uns zum Laufen in die JVA treibt.

Die Siegerehrung umfasste übrigens alle Läufer. Vom Letzten bis zum Ersten wurde jeder aufgerufen und erhielt vom Anstaltsleiter seine Urkunde. Und zu jedem wußte der Initiator ein paar Worte zu sagen. Das fand ich total klasse. Zumal man so sehr deutlich sehen konnte, dass einige der schweren Jungs, die dort zum ersten Mal einen Halbmarathon gelaufen sind, stolz wie Bolle waren 🙂 Darüber hinaus gab es für jeden ein Finisher-Shirt aus Funktionsfaser, was ich bei einem Startgeld von nur 7 € schon bemerkenswert finde.

Der schnellste Marathonläufer war übrigens ein Inhaftierter der JVA Oldenburg, der die 42,195 km in ca. 3:45 Stunden gelaufen ist, die letzten 5 Kilometer sogar barfuß ❗

Da das Fotografieren in der JVA nicht erlaubt ist, gibt es alternativ mal Bilder von Finishershirt und Urkunde 😉

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18.10.14 03Zufrieden, Anne? :mrgreen:

Fazit: Eine rundum gelungene Veranstaltung. Dabei verdienen die Inhaftierten meinen Respekt, die in anderen JVA`en nur auf 90 bzw. 160 m langen Bahnen für den Halbmarathon trainieren konnten und unter diesen Bedingungen zur Stange gehalten haben.

Nach Verlassen der JVA (wir sind solange geblieben, bis der letzte Marathoni nach ca. 5 Stunden im Ziel war) habe ich meine wiedergewonnene Freiheit noch mit einem kurzen 22 km-Ausritt mit dem Rennrad gefeiert 😎

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Das war ein perfekter Sporttag 😀

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40 Kommentare zu “Immer an der Wand lang

  1. Hallo Mr. Speedy!

    Wow! Gratuliere!! Von wegen „unter 2 Stunden“. Das ist mehr als deutlich unter 2 Stunden – da hast du ja wirklich Gas gegeben! Ich find’s super, dass du dein Zeitziel geknackt und deine noch offene Rechnung mit dem JVA-Lauf beglichen hast! 😀
    Und dann noch fleißig mit dem Rennrad eine Runde drehen – das hat was! :8):
    Beim Lesen deines Titels fiel mir ein: das wäre doch ein super Lauf für mich – da müsste ich endlich mal keine Sorgen haben, mich auf der Strecke zu verlaufen! 😆

    • Hallo liebe Doris,

      dann komme doch im nächsten Jahr zur achten Auflage nach Oldenburg. Dann kannst Du Dich immer an der Wand lang hangeln 😀 Allerdings mußt Du speziell als Frau recht hart im Nehmen sein, was die Sprüche der nichtlaufenden Häftlinge angeht 🙂

      Liebe Grüße
      Volker

    • Rakete? Naja. Aber ich bin wirklich hochzufrieden, konnte ich doch dieses Tempo laufen ohne mich wirklich auszubrennen. So macht das Laufen Spaß, flott aber nicht am absoluten Limit 🙂

      Etwas Erholung kann nicht schaden, ein Halbmarthon kommt ja noch am kommenden Samstag, so die Lokführer mich denn hinlassen …

      Liebe Grüße
      Volker

  2. Glückwunsch zur sub2…super Sache! Absolut geniales Event.

    Du rennst also einen Halbmarathon auf 21 Runden und nennst mich verrückt weil ich 3x auf nen Berg laufe! 😉
    Hihi!

    Viele Grüße und gute Regeneration

    Steve

  3. Lieber Volker,

    schöne Sache, mein Lieber. Ich find so eine Veranstaltung absolut genial, obwohl ich mir vorstellen kann, dass das Runden laufen unter den Bedingungen nicht ganz einfach ist, umso respektabler sind die Leistungen der Insassen. Gratulation zu Deiner tollen Zeit.

    Salut
    Christian

    • Lieber Christian,

      was die Insassen leisten verdient wirklich Respekt. Die Bedingungen für den Laufsport sind hinter Gittern wirklich nicht unbedingt der Brüller. In der Oldenburger JVA sieht es aber noch ganz gut aus.

      Danke Dir 🙂

      Moin Moin
      Volker

  4. Lieber Volker,

    irre. Ich hatte von anderen Läufern schon von diesen Veranstaltungen gelesen. Laufen ist sicherlich eine schöne Motivation innerhalb der Mauern – unter solch schlechten oder – sagen wir mal – öden Trainingsbedingungen auf einen HM oder Marathon zu trainieren, ist echt schon der Hammer.

    Dir aber auch Glückwunsch zu Deiner Wunschzeit. Und schickes Foto am Ende des Berichtes.

    Gruß
    Anja

    • Liebe Anja,

      ich finde das auch bemerkenswert, was die Jungs da leisten und wie stolz sie darauf sind es geschafft zu haben, bestätigt das auch.

      Das schicke Foto ist eigentlich ein Unfall, da mit viel zu hohe ISO-Zahl aufgenommen 😀

      Danke und liebe Grüße
      Volker

  5. Aha, dieser HM war es. Meins wäre das ja nicht. Schon dieses ewige Rundenlaufen an sich und dann noch in so öder Umgebung. Och nööö.
    Kein Wunder, dass Du da so schnell warst. Da musste zum Ausgleich aber noch ein Radtour her.
    Herzlichen Glückwunsch zur erreichten Zeitzeil, lieber Volker!
    Liebe Grüße
    Bianca

    • So öde ist es gar nicht, zwar spricht die Umgebung sicher nicht so an, aber die Atmosphäre und, bedingt durch die kurzen Runden, das immer vorhandene Läuferfeld sind schon schön.

      Danke, liebe Bianca.

      Liebe Grüße und einen sonnigen Sonntag
      Volker

  6. Tolle Sache, so ein JVA-Lauf – und auch du voll zufrieden mit dir und deiner Zeit – sehr schön, kann man nur gratulieren – Duathlon – finde ich sowieso gut ! 😉

    • Danke, liebe Margitta, es war ein guter Tag. Ich denke für alle Beteiligten. Und auf den Duathlon hate ich einfach noch Lust 🙂

      Liebe Grüße
      Volker

  7. Na also, lieber Volker – wärst du über 2 Stunden geblieben, hätte ich dir Bummelei vorgeworfen! 😆

    Im Ernst: Herzlichen Glückwunsch zur tollen Zeit! Die Veranstaltung finde ich große Klasse – ob ich selbst mitlaufen würde, weiß ich aber nicht. Erstens weil ich nicht so hart im Nehmen gegenüber Sprüchen bin. Und zweitens, weil ich meine Motivation noch nicht so richtig deuten kann … wenn die Neugier überwiegt, wie es wohl in einer JVA aussieht bzw. zugeht – würde ich nicht mitmachen. Wenn ich dagegen überzeugt wäre, der JVA und ihren laufenden Insassen und Mitarbeitern was Gutes zu tun, wäre das eine andere Sache.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
    Anne

    • Diesen Vorwurf hätte ich mir nunmal nicht machen lassen wollen, nur deshalb habe ich mich so beeilt, liebe Anne 😉

      Man bzw. frau läuft nicht so dicht unter den Fenstern lang, dass es wirklich „unangenehm“ wird und die meisten sind auch echt witzig.

      Sicher hat so eine Veranstaltung auch den Reiz der besonderen Location, aber ich kenne die JVA schon von dienstlichen Besuchen und die meisten Gastläufer sind auch nicht zum ersten Mal da. Speziell für die Insassen ist der Lauf zum einen eine Herausforderung, die Disziplin und Selbstvertrauen fördert und zum anderen ist der Lauftag auch eine Abwechselung mit mehr Freiheit als an normalen Tagen.

      Liebe Grüße und einen schönen sonnigen Sonntag
      Volker

  8. Das ist wirklich etwas besonderes so ein Lauf auf dem JVA-Gelände. Gratuliere zum Erfolgreichen Finish und zur tollen Zeit. Und dann noch ne Radrunde hingelegt. Alle Achtung !
    Lieben Gruß
    Kornelia

    • Danke, liebe Karina. Gestern war irgendwie ein Tag ganz nach meinem Geschmack. Und der JVA-Marathon ist schon etwas ganz besonderes, Wenn es paßt bin ich im nächsten Jahr wieder dabei.

      Liebe Grüße
      Volker

  9. Lieber Volker,

    jetzt habe ich mir zuerst Dein Bericht vom 2012 durchlesen müssen… das war ja der absolute Gegenteil zu gestern! Herzlichen Glückwunsch, zur guten Zielzeit!!! Alles richtig gemacht und die Beine sind immer noch schnell 😉

    Das muss wirklich etwas besonderes sein bei so einem Lauf mitzumachen. Es ist wirklich bemerkenswert was die Inhaftierten, die nur auf kurze Bahnen für den Lauf trainieren konnten, da geschafft haben – einen Marathon aber auch einen HM zu schaffen ist eine super Leistung!! Die können wirklich stolz auf sich sein!

    Einen perfekten Sporttag, davon berichtet auch das letzte Bild! Herrlich!! 😀

    Liebe sonnige Grüße,
    Anna

    • Liebe Anna,

      2012 war der Lauf eine schiere Katastrophe. Da lobe ich mir doch den gestrigen Lauf mit immer noch schnellen Beinen 😀

      Man soll in so eine Veranstaltung wirklich nicht zu viel hinein interpretieren, aber vielleicht wird die Welt durch so einen Lauf doch ein klitzekleines Bisschen besser.

      Ansonsten war es wenigstens für mich ein toller Tag 🙂

      Danke und liebe Grüße
      Volker

  10. Das wäre auch ein Lauf der mich reizen würde 🙂
    Aber wirklich eine sehr bemerkenswerte Leistung der Inhaftierten. Bei den Trainingsbedingungen so laufen zu können und zu finishen macht man auch nicht jeden Tag.

    • Solche Läufe gibt es auch in anderen Justizvollzugsanstalten. Vielleicht auch bei einer in Deiner Nähe. Da mußt Du mal das Internet durchforsten.

      Die Möglichkeit zu so einem Finish haben die Inhaftierten nur einmal im Jahr. Merkst Du wie gut wir es haben? 😉

      Liebe Grüße
      Volker

      • Ja, ich kann jederzeit aufgeben und darf trotzdem am nächsten Wochenende wieder ran. Aber nicht nur in diesem Bezug haben wir es deutlich besser. Aber irgendwie sind wir ja auch nicht wirklich Schuld daran dass nur „wir“ diese Möglichkeit haben. Egal…

        Muss ich wahrlich mal schauen ob es dass bei mir auch gibt. Da fiele mir gerade nur Stammheim ein…

      • In der Tat sind wir an unseren Möglichkeiten nicht wirklich Schuld 🙂

        Stammheim, der berühmt berüchtigte Knast zu Zeiten des RAF-Terrorismus in Deutschland. Ob die das machen ? 🙄

  11. Hallo Volker,

    tolle Sache, zum Einen, daß es den Lauf überhaupt gibt (in Österreich wäre mir so etwas nicht bekannt), zum Anderen Deine Leistung!

    Liebe Grüsse,
    Wolfgang

    • Moin Wolfgang,

      so weit ich weiß, hat Dieter Baumann diese Läufe ins Leben gerufen und es gibt sie auch in andern Gefängnissen in Deutschland.

      Mit meiner Leistung bin ich auch wirklich zufrieden Dafür, dass ich nie auf Tempo trainiere, war ich ganz gut dabei 🙂

      Danke und liebe Grüße
      Volker

  12. Das ist ja tatsächlich ein recht besonderer Lauf. Ich glaube diese Minirunden würden mich psychisch fertig machen. Aber dir scheint es ja gefallen zu haben. Und die Zeit: Superherzlichen Glückwunsch!

    Müssen die Insassen, dann besondere Laufkleidung tragen, so dass sie von Nichtinsassen unterscheidbar sind. Oder sehen alle ganz normal gekleidet aus?

    • Dadurch, dass sich ungefähr siebzig Läufer auf nur einen Kilometer verteilen, ist eigentlich durchgehend für Abwechselung gesorgt. Wenn man es nicht kennt, ist auch das JVA-Umfeld mal ganz spannend anzuschauen.

      Die Inhaftierten hatten ganz normale Sport- und Laufklamotten an und nur den wenigsten hat man angesehen, dass sie Inhaftierte waren. Erst bei der Urkundenübergabe wurde jeder einzelne benannt, ob und wo er inhaftiert oder ob er Gast war. Das war schon interessant.

      Liebe Grüße
      Volker

  13. Lieber Volker,
    starke Zeit, starker Auftritt ! Wirklich cool 😎
    Finde ich wirklich bemerkenswert, das du da dabei warst.
    Liebe Grüße
    Helge

    • Liebe Helge,

      sooo bemerkswert ist da ja nicht, wir Gastläufer dürfen ja wieder raus 😎

      Aber es ist wirklich eine gute Veranstaltung mit fast familiären Charakter.

      Und mit meiner Zeit bin ich wirklich zufrieden, dafür dass ich ja nicht so der Tempobolzer bin.

      Liebe Grüße
      Volker

  14. Herzlichen Glückwunsch. Du hast das geschafft, wovon ich noch träume.
    Einen HM unter 2 Stunden zu finishen. Cool. Und das bei einem 21 Rundenlauf.
    Viele Grüße
    Karina

    • Danke, liebe Karina 🙂

      vor ein paar Jahren hatte ich das noch recht regelmäßig hingekriegt, einen HM unter 2 Stunden zu laufen.

      Warum ich zur Zeit „so schnell“ bin, weiß ich selber nicht so genau. Aber ich nehme es einfach mal so hin 😉

      Und bei Deinem Trainingseifer wirst Du das sicher auch bald hinbekommen 😀

      Liebe Grüße
      Volker

  15. Lieber Volker,
    klasse gemacht, super Zeit! Aber Du musstest mich ja auch nicht unterhalten 😉
    Stimmt, die Frage nach dem Publikum fällt mir erst beim Lesen Deines Berichts auf. Das Ambiente ist sicherlich ein ganz eigenes. Aber warum nicht. So schräge Läufe finde ich immer wieder interessant.
    Trägst Du das Shirt dann auch draußen? Könnte ja leicht falsche Schlüsse provozieren 😉
    Liebe Grüße
    Elke

    • Liebe Elke,

      danke! Och, ab und zu habe ich auch mal mit jemanden geredet. Aber natürlich nicht so intensiv wie mit Dir 🙂

      Jetzt ist ja erstmal kein T-Shirt-Wetter mehr, aber ich hätte kein Problem damit, das auch draußen zu tragen 🙂

      Liebe Grüße
      Volker

  16. Pingback: Immer am Wasser lang | Deichlaeufer

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