Von Säuen und Dörfern

Heute vor einer Woche bin ich das letzte mal gelaufen. Und was macht der Läufer, wenn er mal nicht läuft? Er denkt über das Laufen nach. Bei mir kommt dann schon mal soetwas dabei heraus:

Laufen ist eine schöne Sache. Es macht fit, hält Zivilisationskrankheiten von uns fern, erfüllt uns mit Spaß und Freude, bringt Genuss und fordert, läßt uns Grenzen erreichen und überschreiten und noch vieles mehr.

Und eigentlich ist Laufen ja auch ganz einfach. Du kaufst Dir ein vernünftiges Paar Laufschuhe und dann kann es im Prinzip schon losgehen.

Nix da, es gibt ja noch so viel zu beachten! Du hast das Anfängerstadium hinter Dir gelassen und Blut geleckt? Jetzt willst Du schneller, weiter, höher laufen? Dann rücken Trainingspläne in Deinen Fokus. Von der Runde um den Dorfteich bis hin zum 100 km-Lauf in fünf Stunden ist für alle Läuferlebenslagen mindestens einer dabei. In ihrer schieren Vielfalt können sie Dich schlimmstenfalls mehr verwirren als erleuchten 🙄

Aber auch wenn Du einfach nur aus Spaß an der Freude vor Dich hin läufst, sagt Dir plötzlich irgendjemand, dass es sich doch viel eleganter auf dem Vor- oder Mittelfuß, über die Ferse oder auf Händen läuft 😯

Du hast Dich zu einem Laufstil durchgerungen? Gut! Aber was trägst Du denn da für Klamotten? Aldi oder Marke? Atmungsaktiv müssen die Prüllen sein, am besten mit Silbermolekülen (Gold- und Platin für die Yuppieläufer) Kleide Dich nach dem Zwiebelprinzip! Wind-, wasser-, winterfest. Trägst Du normale Laufsocken, Kompressionsstrümpfe oder Stützstrümpfe?

Du hast auch dieses Kapitel erfolgreich für Dich abschlossen? Dein Kleiderschrank bietet das Richtige sowohl für den Lauf in der Sahara als auch für den zum Nordpol? Schön! Und was isst und trinkst Du denn so auf Deinen Läufen? Wasser oder Energiedrinks, ein Gläschen Likör (Stößchen) oder gar nichts? Trägst Du einen Patronengürtel oder Rucksack mit Trinkblase? Nimmst Du Müsliriegel, Gels, Rosinen, Kartoffeln, ein Kotelett oder ein Stück Torte zu Dir? Du bist was Du isst, auch beim Laufen, also entscheide Dich ❗

Dir tut etwas weh? Ohje! Jetzt geht richtig die Post ab. Hausärzte, Orthopäden, Physiotherapeuten, Osteophaten, Homöopathen, der übergewichtige Kollege und die Oma mit ihren Wadenwickeln stürmen mit all ihrer Weisheit auf Dich ein. Ist eine komplette Laufpause angesagt oder nur eine Verringerung der Laufumfänge oder rennst Du Deinen Schmerzen beim nächsten Marathon davon?  Ist das Geläuf endlich wieder geheilt, bist Du selber ganz krank im Kopf 👿

Aber Du kannst Dich ablenken. Schließlich gilt es noch die Frage zu klären, ob und wenn ja mit welcher Laufuhr Du unterwegs sein willst, ob mit Pulsgurt oder ohne, ob mit GPS oder ohne. Vergiss nicht das ganze auszuwerten und Dich über das WWW mit anderen zu vergleichen oder Dich noch während des Laufes über eine App auf Deinem Telefon von Deinen Freunden oder der NSA beklatschen zu lassen 😀

Läufst Du übrigens mit Musik auf den Ohren oder gibst Du Dich dem Naturgenuss hin?  Fast schon eine Glaubensfrage.

Läufst Du etwa über Asphalt? Gibts doch nicht, Trailrunning ist angesagt. Es soll aber auch Leute geben, die übers Wasser laufen. Moonrunning ist in Vorbereitung.

Läufst Du eigentlich regelmäßig? Was ist denn regelmäßig? Mehrmals die Woche? Einmal die Woche, im Monat oder im Jahr? Schon mal was vom Streak gehört ❓

Und ab welchen Tempo ist man eigentlich Läufer, schließlich willst Du doch nicht für einen schnöden Dschogger gehalten werden, oder? Ein 6er-Schnitt sollte es schon sein! Oder doch besser 5:30? 5:00? Wer bietet weniger?

Wie weit willst Du überhaupt laufen? 3 km? 5 km?, 10? Halbmarathon? Marathon? Ultra? Transeuropa? Überleg Dir das endlich mal!

Ach ja, anfangs schrieb ich, Du brauchst nur ein Paar vernünftige Laufschuhe. Aber was sind ein Paar vernünftige Laufschuhe? Mit viel Sprengung? Mit wenig Sprengung? Mit Stütze oder ohne? Barfußschuhe oder supergedämpft?  Gar kein Schuh geht übrigens auch.

Aber beachte: Was heute richtig ist, hat morgen keine Gültigkeit mehr. Jeden Tag wird ein neue Sau durchs Dorf getrieben. Die moderne, hektische Welt macht auch vor dem Laufen nicht halt. So wird bei der Tempohatz entschleunigt. Alles dreht sich, alles bewegt.

Aber vergesse dabei eine oder einen nie: Dich! Du bist der Mittelpunkt Deiner Welt! Sei nicht die Sau die durchs Dorf getrieben wird. Filter die Informationen die für Dich wichtig sind, treffe Deine Entscheidungen. Sei offen für vieles, aber hefte Dir nicht alles an die Brust. Bedenke, wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein. Freue Dich über gute Vor- und Ratschläge, übernehme was Dir logisch und vernünftig erscheint. Mache Deine Erfahrungen, sei Vorreiter für Dein eigenes (Lauf-)leben.

Und zu guter Letzt: Nimm alles und diesen Artikel nicht so ernst :mrgreen:

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49 Kommentare zu “Von Säuen und Dörfern

  1. Haha, da soll einer sagen, Laufen ist einfach und kostet nix…. Wer einmal Blut geleckt hat, gibt ein nicht unbeträchtliches Sümmchen für alles mögliche aus.
    Der ganze Schnickschnack drumherum macht ja auch irgendwie Spaß oder?
    Lieben Gruß
    Kornelia

  2. Volker, Du bringst es auf den Punkt. Herrlich, was Du Dir für Gedanken machst, wenn Du nicht läufst – toll! Wo laufen doch so einfach ist, gibt es trotzdem viel zu bedenken und viele Möglichkeiten, so man möchte.
    Aber am wichtigsten ist es tatsächlich, bei sich zu bleiben!
    Ich hoffe, Dir geht es schon besser!!! Vorsichtshalber noch mal gute Besserung!
    Liebe Grüße
    Bianca

    • Mit vielen Worten auf den Punkt gebracht? 😀

      Du merkst, mir bekommt das Nichtlaufen nicht :mrgreen:

      Es geht mir besser, nur mit dem Hören auf dem Ohr ist es noch nicht weit her. Ich hoffe, dass wird noch wieder besser :-/

      Liebe Grüße
      Volker

  3. Lieber Volker,
    vielen, vielen Dank für diese grandiose Zusammenfassung (beinahe) aller Läuferfragen!! 😀
    Was für ein Glück, dass ich heute schon unterwegs war – du hast mir soviele Denkanregungen geliefert, dass ich nicht weiß, ob ich mich jetzt noch entscheiden könnte, auf welchem Weg wohin, wie schnell, in welchem Outfit, usw. usf! 😆

    • Liebe Doris,

      beinahe? Welche Läuferfragen habe ich denn noch vergessen? 🙄

      Heute konntest Du noch unbeschwert laufen, aber die Entscheidungen holen Dich ein! :mrgreen:

      Liebe Grüße
      Volker

      • Ach die eine oder andere fiele mir schon noch ein:
        Zum Beispiel: * Alleine oder in der Gruppe? * Morgens, abends oder nachts (Gruß an Christian! 😉 ) ? * Vor dem Essen oder nach dem Essen? 😀

      • Stimmt, das sind auch noch durchaus berechtigte Fragen. Rainer hat auch noch weitere aufgeworfen. Das ist genug Stoff für einen zweiten Teil 😀

  4. jetzt, wo du es sagst…. laufen is mir viel zu kompliziert!
    ich wußte es doch. es gibt ihn…. :devil:
    schluß damit. ich hänge die laufschuhe, die goretexjacke, die thermotight, die kompressionsstrümpfe, trinkrucksack und garmin…. genau DA hin – an den HAKEN!
    pah 🙄

  5. Lieber Volker,

    beim Laufen ist zum Glück alles ein Kann und nichts ein Muss, selbst die Schuhe darf man weglassen 😉 Dein Beitrag ist lustig und teilweise zynisch, was ich in diesem Zusammenhang sehr nett finde. Beim Laufen das Wichtigste ist, sich selbst zu entwickeln, einfach treiben lassen, nicht von aussen Druck aufbauen, sich fragen, wamsen wirklich will und braucht. Dann klappt es auch mit dem Spass, gell 😀

    Salut und nochmals gute Besserung

    Christian

    • Lieber Christian?

      Du magst Zynismus? Wußt ich gar nicht. Ich wollte aber gar nicht zynisch sein, sondern höchstens einwenig sticheln 😉

      Mir brauchst Du das nicht zu sagen, ich weiß wie mir das Laufen Spaß macht 😎

      Danke, heute morgen endlich mal kein Druck auf dem Ohr. Jetzt wird es bestimmt auch noch was mit dem Hören.

      Moin Moin
      Volker

  6. Und anders ausgedrückt: Lasse jeden so leben und laufen wie er will. Denn damit macht er schon was richtig. Genauso wie wir.
    Perfektion für alle wird es eben nie geben bei knapp 7 Milliarden unterschiedlicher Meinungen und Sichtweisen 😉

  7. Guten Morgen, lieber Volker, es ist wie im richtigen Leben, jeder sucht seinen Weg,lässt sich auch gerne mal anstecken, pickt sich die Rosinen heraus, die für ihn am besten sind, baut sich sein eigenes Schloss, um gesund, friedlich und vor allem glücklich darin zu wohnen. YES – und genauso mache ich es auch ! 😎

    Nicht jeder selbstgestrickte Pullover passt !

    • Guten Morgen, liebe Margitta!

      Da kann man nur hoffen, dass die Leute es dann auch merken, wenn ihnen der selbstgestrickte Pullover nicht passt … 😉

      Liebe Grüße
      Volker

  8. Du bist, was du isst… ich bin ein Nutellabrot. Super Text! Laufen ist eine verdammt komplizierte Angelegenheit, wenn man es (zu) ernst nimmt.

  9. Lieber Volker,

    Na zum Glück habe ich nicht so viel Zeit zum Denken gerade. Ich entscheide all diese Dinge spontan und laufe einfach. Mir doch egal was es da alles zu beachten gäbe ;).

    Ich hoffe du bist bald auch wieder auf der Piste, so dass du nicht mehr so viel denken musst. Schön geschrieben.

    Liebe Grüße,
    Roni

    • Liebe Roni,

      im Alltag mache ich mir auch nicht solche Grundsatzgedanken, aber Bruchstücke davon kommen halt schon immer wieder mal vor 🙂

      Auf der Piste habe ich zum Glück meist andere Gedanken. In drei Tagen soll es auch wieder los gehen 😎

      Liebe Grüße
      Volker

  10. Lieber Volker,
    das Sofa hat Dir gut getan! 🙂 Mein Grinsen wurde immer breiter und nun frage ich mich: Bin ich dicht genug? Und haben meine Laufschuhe die richtige Farbe??? Nehme ich demnächst doch mal ein Gläschen Wein am Verpflegungsstand…?
    Klasse geschrieben, habe mich herrlich amüsiert! Dennoch wünsche ich Dir nun nichts an das andere Ohr, damit Du nochmals Anlauf zu solch einem Text nehmen könntest.
    Liebe Grüße
    Elke

    • Liebe Elke,

      siehst Du, habe ich da doch die richtigen Denkanstösse gegeben 😀

      Danke 🙂 Freut mich wenn der Text so gut rübergekommen ist. Vielleicht gelingt mir sowas ja auch nochmal ohne „Ohr“ 😉

      Liebe Grüße
      Volker

  11. … Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein … 😆 Mein Lieblingssatz in Deinem wunderbaren Text. Wenn ich den lese kommt mir der Gedanke, du solltest vielleicht häufiger mal eine Laufpause machen. 😉

    Aber insgesamt hast Du alles gut aufgezählt. Es fehlt vielleicht noch die Wahl zwischen Schildmütze und Tuch, oder die Entscheidung für oder gegen Handschuhe. Dann sind a noch die Schuhe mit Spikes und die Wahl zwischen Tight udn weiter Hose. Und …

    Ich warte also auf die fortsetzung Deines Artikels, hoffe aber dennoch, dass es Dir inzwischen wieder gut genug geht, um bald die Laufschuhe zu schnüren. oder hast Du etwa diese Schnürsenkel, die man nicht binden musst? … 😉

    Liebe Grüße
    Rainer 😎

    • Lieber Rainer,

      der Spruch stammt allerdings nicht von mir, er wird Kurt Tucholsky zugeschrieben 🙂

      Danke für das Kompliment für diesen Text, auf den Du mit reichlich weiteren, berechtigten und hochbrisanten Fragen geantwortet hast. Zusammen mit den zusätzlichen Fragen von Doris schreit das geradezu nach einem zweiten Teil.

      Ich habe ja in gut zwei Wochen nochmal eine kleine OP, vielleicht läßt sich die darauf folgende Laufpause dafür nutzen. Aber bis dahin möchte ich noch gerne ein paar Mal meine Laufschuhe schnüren, ganz konventionell übrigens 😀

      Liebe Grüße
      Volker

  12. Hallo Volker,

    genau so siehts aus.. Laufen ist ein extrem komplizierter Sport… muss man mind. 1/2 Jahr lang ne Menge Bücher lesen, bevor man anfangen kann.

    Ein Glück, dass wir schon Profis sind.. hahaha

    Gute Restbesserung, auf dass Du bald wieder laufen kannst.

    Gruß
    Anja

    • Liebe Anja,

      täusch Dich nicht, auch als „Profis“ (höhö) sind wir ständig mit Neuerungen konfrontiert. Wenn wir uns nicht ständig auf dem laufenden halten sind wir ganz schnell abgehängt 😯

      Zum Wochenende soll es wieder los gehen. Wird Zeit, damit solche Gedanken aufhören :mrgreen:

      Danke und liebe Grüße
      Volker

  13. Laufen? Ganz einfach! Nicht mal vernünftige Laufschuhe brauchst du. Mein Geheimrezept: „Linker Fuß, rechter Fuß, linker Fuß …“

    Aber du hast recht, man kann sich das Laufen auch kompliziert machen – Läuferforen sind voll mit Fragen von Anfängern, die einen glauben machen, der Einstieg ins Läuferleben sei mit dem Aufbruch zu einer Marsexpedition vergleichbar. 😆

    Liebe Grüße,
    Anne

    • Linker Fuß, rechter Fuß? Verstehe ich nicht. Was muß man denn damit machen? 🙄

      Ich habe zwar noch nie in solchen Foren gelesen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass eine Marsexpedition wesentlich einfacher ist. Da braucht man doch schließlich nur so eine simple Raumfähre, oder? 😉

      Liebe Grüße
      Volker

    • Liebe Lizzy,

      erstmal staune ich darüber, dass es von der katholischen Kirche anerkannte eremitische Lebensformen gibt. Was die Kirche so alles anerkennen muß … 😉

      Auf der anderen Seite hast Du mich da auf ein interessantes Buch aufmerksam gemacht. Und da ich wirklich gerade überlege, was ich mit der Gutscheinkarte einer Buchhandlungskette anstelle, die ich kürzlich geschenkt bekommen habe, werde ich mir genau dieses Buch jetzt zu legen.

      Nicht, dass ich Eremit werden will, dazu tauge ich bei all meiner Eigenbrödelei dann wohl doch nicht, aber ich finde solche Lebenswege spannend.

      Also danke für den Link.

      Liebe Grüße
      Volker

  14. Lieber Volker,

    als ich Dein Beitrag gelesene habe, habe ich mir kurz gedacht, es wird wieder Zeit das Volker laufen kann 😉 hihi…
    Es ist auf jeden Fall eine Prise Wahrheit drin (darum halten uns wohl auch alle Nichtläufer für verrückt) aber ganz so schlimm ist es ja auch nicht…
    …oder!?? 🙄

    Ich hoffe Du bist wieder gesund und kannst ein paar Runden laufen vor Deiner nächste Laufpause!! 🙂

    Liebe Grüße Anna

    • Liebe Anna,

      nur eine Prise Wahrheit?? Das ganze hat schon seinen Hintergrund. Aber ganz so schlimm ist es wirklich nicht 😉

      Morgen möchte ich mal wieder eine Laufrunde drehen. Dann habe ich noch zwei Wochen bis zur nächsten Laufpause …

      Liebe Grüße
      Volker

  15. Ja, man hat´s nicht leicht als Läufer….Industrie und Wirtschaft wollen schliesslich auch Anteil an unserem Hobby haben!

    Liebe Grüsse,
    Wolfgang

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