Mikrokosmos

Es könnte einem zur Zeit mal wieder Endzeitstimmung beschleichen, angesichts der Ereignisse in der Welt. Kaum zu bewältigende Flüchtlingsströme aufgrund von Krieg und Elend in der Welt (die mich auch beruflich sehr betreffen), jetzt wieder einmal perfider Terror in Paris. Und nur weil es eben in Paris ist, macht er uns auch überalle Maßen betroffen, solcher Terror ist in vielen arabischen Ländern hingegen nahezu Alltag. Ganz nebenbei „erfreuen“ wir uns an einem November, der uns entgültig deutlich macht, dass wir im Klimawandel angekommen sind. Und und und…

Nicht nur zartbesaitete Gemüter könnten angesichts der Geschehnisse verzagen. Schlußendlich hat ja auch noch jeder sein ganz ureigenes, privates Päckerl zu tragen. Und was fällt mir dazu ein? Statt den Kopf in den Sand zu stecken, ging ich laufen. Ich freute mich sogar auf  den Lauf. Sturm und Regen versprachen den Kopf freizumachen, abzulenken, Abstand zu gewinnen und die Gedanken zu ordnen. Dazu hatte ich mir eine je nach Lust und Laune zwischen 14 und 18 km variierende Strecke ausgeschaut. Und wenn denn Mitte November schonmal 13° da sind, ja meine Güte, dann nahm ich die halt auch eben positiv mit.

Sage und schreibe vier Kilometer blieben die Füße sogar trocken bis der erste unbefestigte Abschnitt dem ein Ende setzte. An der Hunte angekommen blies mir der stürmische Wind über sechs Kilometer den Regen ins Gesicht. Pfützen wollten durchpflügt werden und auf diesen sechs Kilometern beschränkte sich die akustsiche Wahrnehmung auf das Trommeln der Regentropfen und das Rauschen des Windes auf und an der Kapuze meiner Jacke. Zwischendurch stellte ich mir die Frage, was eigentlich schneller vorbeirauscht, der stürmische Wind oder meine Gedanken? Das Tempo hingegen sank aufgrund des Gegenwindes erheblich.

Abseits vom Asphalt versank ich regelmäßig in Pfützen und Schlamm, längst war schon die 18km-Variante ausgemacht, als ich beschloß, dass mir auch die nicht ausreicht. Wenig später, ich wollte die geflutete Unterführung in der Nähe des Kleinen Bornhorsters auf dem schmalen, trockenen Randstreifen passieren, versank ich kurz vor Erreichen dieses Randstreifens bis zu den Waden im Wasser. So naß, so schön. Die Strecken so menschenleer, so schön, die Beine so locker und so flott, so schön. Kilometer 18 und 19 lief ich noch um die 5:30, so schön.

Schlußendlich stand ich nach 23,6 km klitschnass und saudreckig wieder vor der Haustür. Ein Lauftraum, den nur Läufer verstehen können. Ein Sauwetter bei dem man keinen Hund vor die Tür schickt und ich hatte zweieinhalb Stunden meinen Spaß. Mein eigener Mikrokosmos, hier ist für mich die Welt noch in Ordnung. Und gerade das gibt mir auch die Kraft diesen ganzen realen Irrsinn dieser Welt weiter zu ertragen!

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35 Kommentare zu “Mikrokosmos

  1. moinmoin, lieber volker
    wir waren gerade knapp zwei stunden im regen spazieren und im anschluss werde ich jetzt auch noch meine laufschuhe schnueren. es sind die kleinen dinge, im leben, die einen viel oefter das herz erfreuen sollten. in diesem sinne einen schoenen erholsamen restsonntag fuer euch!!!!
    fuehl dich mal virtuell gedrueckt 😉
    liebe gruesse von hier nach da,
    sandra

    • Moin Moin, liebe Sandra,

      Spaziergehen bei so einem Dreckwetter? Ihr gehört ja zu den ganz Harten 😀

      Schön, Dich darüberhinaus noch in Laufschuhen zu wissen!

      Den virtuellen Drücker gebe ich gerne zurück! 🙂

      Liebe Grüße von OL nach HH
      Volker

  2. Herrlich, lieber Volker! In deinem kleinen Mikrokosmus wurden all die Belastungen, die Hilflosigkeit und die traurigen und zornigen Gedanken nicht nur gründlich weggepustet, sondern auch noch weggespült. Auch wenn man sie so nicht für lange und auf Dauer vertreiben kann, wenigstens eine Atempause hat dir dieser tolle Lauf gegönnt. Einfach schön! Und ja, das verstehen nur Läufer! 🙂

    Liebe Grüße,
    Anne

    • Liebe Anne,

      so können wir uns wenigstens in unsere kleine, heile Laufwelt flüchten 🙂 Du mußt zwar noch etwas warten, aber wie Du bei Margitta geschrieben hast, geht halt auch mal eine Fantasiereise.

      Der heutige Lauf war bislang mein längster Lauf bei so einem „Dreckwetter“ und ich hätte noch länger laufen können. Aber Jens wartete mit dem Frühstück. 🙂

      Liebe Grüße
      Volker

  3. Lieber Volker, wie gut ich dich verstehen kann, weglaufen, es kann nicht lang genug sein, sich ablenken, freilaufen, da interessiert uns Wetter noch weniger als sonst, ich tat es genauso wie du, klitschnass war ich auch, aber nicht dreckig, wie machst du das ❓

    • Liebe Margitta, es kann nicht lang genug sein, wohl wahr. Aber der Vernunft und dem Lockruf des Frühstücks folgend, habe ich es gut sein lassen.

      Dreckig geht bei mir ganz einfach: Regen, matschige Wege, fertig ist der eingesudelte Deichläufer 🙂

      Liebe Grüße
      Volker

  4. Lieber Volker,

    den Kopf frei kriegen vom Makro- oder Mikrokosmos, eigentlich wurscht, das hast Du genau richtig gemacht.
    Ich bemerke nur, dass momentan das Geschehen in der ganzen Welt mich fast genauso sehr beschäftigt, wie mein „Mikrokosmos“, leider hilft das Laufen dann meist nur passager.
    Dein Lauf wäre absolut nach meinem Geschmack, wenn noch ein paar Höhenmeter dabei wären 😉 Viel Spass weiterhin…

    Salut

    • Lieber Christian,

      wie kann man zur Zeit das Geschehen in der ganzen Welt auch ausblenden? Zu massiv, zu bedrückend sind die aktuellen Ereignisse.

      Der heutige Lauf war nahezu höhenmeterfrei, da ich auch die Huntebrücke nur unterquert habe. Ansonsten hätte ich Dir heute einiges zu bieten gehabt 🙂

      Danke und Moin Moin
      Volker

    • Ich kann mein Leben und somit das Laufen doch wegen all dem Elend nicht einschränken. Damit ist niemanden geholfen. Deshalb danke, sehe ich genau so!

      LG Volker

  5. Lieber Volker,
    ja könnte man. Bringt nur niemanden nix.
    Daher habe ich heute die gleiche Entscheidung wie du getroffen – nur blieb mir der (prognostizierte) Regen verwehrt. 😦

    Schön, dass du durch deinen Lauf, „verwöhnt“ von Wind und Regen ein paar Stunden einfach eine gute Zeit hattest. Die kann dir niemand nehmen. 🙂 Und die Energie die du dabei tanken konntest, genau so wenig!

    • Eben drum, liebe Doris ❗

      Kein Regen im Süden? Das ist nicht schön, hier regnet es nun schon über 24 Stunden an einem Stück 😯

      Die Zeit kann mir keiner nehmen, genau das ist es. Wieviel Energie mir der Lauf gebracht hat, sehe ich morgen 😉

      Liebe Grüße
      Volker

  6. Lieber Volker,

    was habt Ihr für ein Wetter da oben? Ein wenig Wind und Regen gab es hier auch. Aber die Flusspegel sind davon nicht gestiegen.

    Laufen macht den Kopf frei. Das ist in diesen Tagen auch sehr notwendig. Mir war gestern der Deuluxlauf eher zu knapp bemessen. Zehn Kilometer in flottem Tempo. Gut, dass danach noch reichlich Zeit für Gespräche war …

    Liebe Grüße
    Rainer

    • Lieber Rainer,

      hier regnet es nun schon seit über 24 Stunden am Stück, teilweise sehr kräftig. In Oldenburg gestern und heute 48 Liter auf den Quadratmeter!

      Für 10 km im Wettkampftempo brauchst Du ja nicht lange, da werden die Gespräche sicher länger gedauert haben!

      Liebe Grüße
      volker

  7. Moin Volker,

    gut gemacht. Und schon allein das Lesen dessen gibt mir gute Gedanken. Ich hab am Wochenende sehr gehadert mit all den Situationen – eine Wut gespürt, die ich an mir nicht kenne, letzte Nacht geträumt davon. Jeder von uns kann im täglichen Tun die Welt ein klein wenig besser machen. Und wenn es ein Lauf ist, um all den Gedanken zu entfliehen, gibt es Kraft, wieder mit am Rad zu drehen (und oben zu schwimmen;-))

    Sei lieb gegrüßt

    Anja

    • Liebe Anja,

      diese Wut kenne ich bei solchen oder ähnlichen Ereignissen immer wieder, zuletzt bei dem Flugzeugabsturz durch den Co-Piloten. Diese Hilflosigkeit, diese Sinnlosigkeit, das macht mich immer wieder wütend und es braucht jedesmal einige Zeit, bis es wieder abklingt.

      Ich habe mal irgendwo aufgeschnappt, dass es schon eine fordernde Aufgabe ist, ein guter Mensch zu sein. Versuchen wir das Beste, um das zu erreichen.

      Ganz liebe Grüße zurück
      Volker

  8. Ich bin froh, dass ich beim Laufen meist fast nie nachdenken kann und mich daher sehr viel garnicht beschäftigt. Und wenn ich mal an etwas denke, oder nachdenken möchte, dann habe ich es zu hause eh wieder vergessen. Aber leider habe ich, auch außerhalb meines Laufpensums, genug Zeit um zur Zeit nachzudenken und meine Nase gegen den Wind zu halten :/

    • Grundsätzlich ist das bei mir auch so und das ist gut. Das trägt ja auch erheblich zum Laufgenuss bei, wenn man sich dabei nicht ständig das Hirn zermartert. Aber oft genug war ich auch schon mit Aufräumarbeiten im Oberstübchen beschäftigt. Man kann es sich halt nicht aussuchen :-/

      Das Nachdenken läßt sich nicht vermeiden, es ist ja auch gut, solange wir die richtigen Schlüsse daraus ziehen können.

      Ich wünsche Dir eine gute Woche.

      LG Volker

  9. Lieber Volker,
    je stürmischer, aufgewühlter die Gedanken, umso mehr Freude macht es, sich durch solches Wetter zu arbeiten, ja was sage ich, sich an ihm abzuarbeiten. Wobei ich aber wahrscheinlich doch eine Deiner beiden Ursprungsvarianten präferiert hätte, 23 km schaffen da nur die ganz Harten ;-)!
    Liebe Grüße
    Elke

    • Liebe Elke,

      das hast Du gut beschrieben! 🙂

      Danke für das Kompliment, ich wollte schon immer zu den ganz Harten gehören 😀

      Liebe Grüße
      Volker

  10. Lieber Volker,
    so is es! Die kleinen Dinge, meist die, die andere gar nicht verstehen, sind es, die das Leben so lebenswert machen. Und wenn man dann noch so einen Spaß daran hat, total eingesaut vom Laufen zu kommen … 😆
    Liebe Grüße
    Helge

  11. Wie gut, dass wir es schaffen, uns von all dem Elend um uns herum etwas abzustrampeln, einfach laufen gehen, um uns herum alles vergessen, das, was tatsächlich zu sehen und zu spüren ist, zu genießen. Alles richtig gemacht. Super !
    Lieben Gruß
    Kornelia

    • Ja, liebe Kornelia, auf diese Weise das Leben spüren, das ist wichtig! Den Kopf in den Sand stecken bringt uns wirklich nichts.

      Danke und liebe Grüße
      Volker

  12. Raus und einfach mal die Schuhe ordentlich nass machen. So muß das manchmal sein… ich kann Deinen Lauf gut nachvollziehen. Bei mir sind es in diesen Tagen meist die Gedanken, die dem Wind noch eine Spur vorraus sind im schnellen vorbeiziehen.
    Wenn man mal so richtig eingesaut und naß heim gekommen ist, sehen viele Dinge einfach schon wieder anders aus. Dass Du auch diese Läufe genießen kannst ist wunderbar!

    • Hallo liebe Claudi,

      gerade diese Läufe kann ich genießen. Zum Glück auch unabhängig von nicht gerade erbaulichen, äußeren Umständen 🙂

      Hier ist der Wind sicher in der Regel etwas schneller als bei Dir, vielleicht solltest Du hier mal einen Wettlauf mit ihm und Deinen Gedanken aufnehmen 😀

      Ich wollte zu Deinem „Jahrestag“ heute auch kommentieren, aber leider bekomme ich immer eine Fehlermeldung 😦

      Deswegen formuliere ich es hier noch einmal neu, vielleicht liest Du es noch!

      Liebe Claudi,

      zwei Jahre ist es schon her, Wahnsinn. Schön, dass seitdem fast alle Folgen verheilt sind. Das gerade Dein Knie da die Ausnahme bildet ist aus Sportlersicht wirklich doof. Aber Du kannst und hast ja auch schon wieder eine Menge gemacht.

      Und wenn Du Dein Ziel im kommenden Jahr erreicht hast, sollte dieser Albtraum hoffentlich endgültig vorbei sein! Viel Erfolg und viel Spaß in der Vorbereitung wünscht Dir

      Volker

    • Du erwähntest es schon einmal. Das mag bei mir vielleicht auch nochmal kommen oder bei Dir wieder umgekehrt. Wer weiß. Nichts ist so beständig wie die Veränderung 😉

      LG Volker

  13. Lieber Volker,

    ja ich denke so geht es viele von uns im Moment. Zum Glück haben diesen kleinen Fluchtweg in unser eigenes kleine Mikrokosmos wo wir die Realität für eine Weile entkommen und Kraft tanken können – mir geht es genauso!!

    Dein Lauf hört sich wirklich herrlich an – nur wäre es mir zu kalt in kurze Hose… brrr! Dir natürlich nicht 😉

    Ganz liebe Grüße Anna

    • Liebe Anna,

      gut, dass wir diese Möglichkeit haben. Das hilft schon und wenn es nur kurzzeitig ist!

      Mir ist es natürlich nicht zu kalt, ich gehöre ja zu den ganz Harten! An den Beinen zumindestens :mrgreen:

      Liebe Grüße zurück in die Berge
      Volker

  14. Sport im Allgemeinen und Laufen im Besonderen kann auch „tragen“, das erleben wir in diesen Zeiten ganz besonders. Ein Lauf hilft, die Gedanken zu ordnen und auch wieder Gedanken an das Schöne im Leben zuzulassen, und Mut zu fassen.
    Dein Lauf hört sich super an….ich bin in letzter Zeit kaum zum Laufen gekommen, freu mich aber, wenn ich morgen die Laufschuhe schnüren und in meinen „Mikrokosmos“ entlaufen kann.

    Liebe Grüsse,
    Wolfgang

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