Feuer mit Benzin löschen

„Wenn ich aus der Klinik wieder da bin, gehen wir essen“, das sagte ich zu Jens an meinem letzten Abend zuhause und so sind wir gestern abend essen gegangen 🙂 Da war ich nämlich schon wieder zuhause, weil ich meinen Ankunftstag in der Klinik auch zum Abreisetag erkoren habe.

Ein grottiges Mittagessen als erste Mahlzeit, nebst Unterhaltung mit meinen Tischnachbarinnen und die Zuweisung meines Zimmers haben mir gereicht um zu entscheiden: Hier bleibst Du nicht. Bei gekochtem Rindfleisch, wässerigen Kartoffeln, fieser Meerrettich-Soße und ungenießbaren Bohnen erzählte mir eine Tischnachbarin, dass sie vor vier Tagen angekommen sei und noch kein Gespräch mit einem Psychologen führen konnte. Eine andere Tischnachbarin erzählte mir, dass es bei ihr Tage gibt, wo überhaupt nichts an Therapien stattfinden würde. Da gäbe es nur die drei Mahlzeiten und sonst nichts, gar nichts. Dazu muß man wissen, dass die Klinik drei Kilometer außerhalb des Ortes mitten in der Pampa liegt.

Mein Zimmer lag im hintersten Winkel der Station. Fast so groß wie ein Tanzsaal und finster, da direkt vorm Fenster Bäume standen, deren Zweige fast an den Scheiben kratzten. Das zweite Fenster gab dafür mehr Weitblick auf den Parkplatz. Kein Fernsehen, kein Radio und bis in den Winkel der Station reicht auch das Klinik-Wlan nicht. Ein Zimmer zum depressiv werden und nicht um die Depression loszuwerden und das für Wochen? 🙄 Ein Zimmertausch wurde aus „organisatorischen“ Gründen abgelehnt.

Das Aufnahmegespräch mit der Stationsärztin war nett, das mit der Oberärztin völlig emotionslos. Routiniert wurde abgefragt, ohne das ich das Gefühl hatte, dass wirklich auf einen eingegangen wurde. Dafür war das Interesse an meiner FFP2-Maske umso größer. „Die sitzt nicht richtig, wir geben ihnen eine andere“. Überhaupt die Maske, gleich nach Ankunft hatte ich sie zwei Stunden ununterbrochen auf der Nase. Was arbeitschutzrechlich schon gar nicht zulässig ist, wird hier um des edlen Gesundheitsschutzes Willen gnadenlos durchgezogen. Corona bedingt sind auch Wochenendheimfahrten nicht erlaubt, es interessiert aber keinen, was Du am Wochenende treibst und mit wieviel Menschen du dich wo triffst.

Solche unsinnigen, widersprüchlichen Corona-Maßnahmen haben mich schon während der letzten zwei Jahre zum Wahnsinn getrieben und nachdem endlich die Maskenpflicht und weiterer Blödsinn aufgehoben sind, holt mich in der Klinik alles wieder ein. Dazu kommt, dass ich als Ungeimpfer bei Kontakt zu einer im Hause positiv getesteten Person die Klinik für die 10-tägige Quarantäne-Zeit verlassen muß, da „darf“ man dann nach Hause. Die Oberärztin hat mir dann auch gleich gesagt, dass es aktuell dauernd positiv getestete Personen im Haus gäbe. Also hätte dieses Damoklesschwert auch noch ständig über mir gehangen. Weitere Kleinigkeiten wie das eine Patientin, die vorher meinen Platz am Esstisch gehabt hat, aber über einen Wechsel in eine andere Essensgruppe offensichtlich nicht informiert wurde und deshalb wutschnabend und fuchsteufelswild den Speiseraum verließ und so weiter und so fort will ich hier gar nicht alle aufführen.

Nein, nein, so kann keine psychosomatische, psychiatrische Behandlung funktioneren. Ein Freund von mir, dem ich kurz vor Abreise erzählt hatte, wie das in der Klinik corona-mäßig so laufen soll, sagte in Bezug auf mein spezielles Verhältnis zu diesem Thema: Das ist ja wie Feuer mit Benzin löschen. Ich konnte nich ahnen, wie recht er haben sollte. Da mein Psychotherapeut hier in Oldenburg jetzt selber erst einmal in eine Reha geht, werde ich mir jetzt erst einmal eine Auszeit von allem Therapie-Gesumse nehmen und einfach versuchen zur Ruhe zu kommen und die Zeit zu genießen. Wie zum Beispiel am Dienstag vor Abreise, wo ich noch einmal zum See geradelt und etwas geschwommen bin. Da habe ich echt mehr von!

Darüber hinaus werde ich mich mal um einen Termin beim Orthopäden kümmern, in der Hoffnung, dass der weiß, wie ich das mit meiner Ferse endlich mal wieder in Ordnung bekomme. Am 14.05. öffnet das Freibad bei mir in der Nähe und ich will vorher nochmal ins Hallenbad, damit ich wenigstens beim Schwimmen langsam mal weiterkomme 🙂

Mit der Entscheidung nicht in der Klinik zu bleiben, bin ich nach erster Aufgewühltheit jetzt mit mir im Reinen. Ein Freund von mir schrieb mir bei WhatsApp: „Wenn sich alles in einem sträubt, dann kann es schwerlich sinnvoll sein, trotzdem zu verweilen, nicht bei seelischer Relevanz und nicht bei wochenlanger Dauer“ Besser kann man es nicht zusammenfassen.

20 Kommentare zu “Feuer mit Benzin löschen

  1. Moin Volker,

    Schade, dass das ein Schuss in den Ofen war. Aber dein Bauchgefühl wird dich schon richtig leiten. Meist ist es doch viel schlauer als alle Gründe zusammen, die sich das Hirn so ausdenken kann! 🙂

    Liebe Grüße aus dem Yukon und genieß den Frühling,
    Luisa

    • Moin Luisa,

      es hat nicht sollen sein. Dafür geht es mir heute besser. Irgendwie bin ich erleichtert. Und dem Bauch ist auch nicht mehr schlecht, wie gestern. Irgendwie hat alles seinen Sinn und den Frühling werde ich jetzt wirklich genießen!

      Ganz liebe Grüße ins ferne Kanada und auch Dir einen großen Frühlingsgenuß!
      Volker

  2. Lieber Volker,
    ein Wort mit X, das war wohl nix! 😦
    Zu schade, dass die Auszeit vom Alltag mit dazugehörigem Perspektivenwechsel nicht geklappt hat. Da hättest du dir viel Aufregung sparen können, aber es ist jetzt erledigt und wichtig ist, dass du dich mit deiner Entscheidung wohl fühlst. 🙂
    Und wenn ich so von deinen Schwimmplänen lese, wird mir gleich ganz anders… jetzt muss ich mich dann warm anziehen (haha), damit du mir nicht bei unserem nächsten Treffen um die Ohren schwimmst! Ich wünsche dir eine gute Zeit! 😀

    • Shit happens, wie der Franzose sagen würde, liebe Doris.

      Mit der Entscheidung fühle ich mich sehr wohl. Was allerdings das um die Ohren schwimmen angeht, warten wir erstmal ab. Aber heute war ich im See immerhin schon eine Viertelstunde Brustschwimmen, mit Kopp über Wasser. Den mag ich ins frische Nass noch nicht eintauchen 🙂

      Danke Dir und liebe Grüße
      Volker

  3. Onward and upward! Sehr schön, lieber Volker.
    Du hast die richtige Entscheidung getroffen und jetzt kannst du unverkrampft und sorgenfrei die Zeit genießen.
    Schön, dass du auch an uns denkst und fleißig Fotos machst. Diese lila Blümchen sind der Knaller.
    Geniesse den Frühling! Ich bin gespannt auf deine nächsten Posts (und die Zwergschafe nicht vergessen! 😀)
    Liebe Grüsse aus dem sonnigen Cape Town!

    • Onward and upward wird jetzt nicht einfacher, liebe Catrina. Aber jetzt nehme ich erstmal etwas Abstand und in naher Zukunft werde ich sehen, was sich noch bietet um wieder auf die psychischen Beine zu kommen. Im Moment fühle ich mich erleichert, wenn auch noch nicht ganz unverkrampt und sorgenfrei. Aber ich werde trotzdem die Zeit genießen.

      Diese lila Blumen sind jedes Jahr die reinste Augenweide. Das habe ich dem Hausbesitzer auch gesagt, der zufällig draußen war. Immer noch Zwergschafe? Hat die Homepage des Züchters noch nicht gereicht? 😉

      Liebe Grüße aus dem kühlen Oldenburg
      Volker

  4. Lieber Volker,
    diese Entscheidung war dann wohl die Richtige. Bei deinen Erzählungen über die Klinik hätte ich glatt depressiv werden können 😐
    Schön ist irgendwie anders.
    Ich muss auch immer, wenn ich Leute mit diesen FFP2 Masken sehe dran denken, das diese Dinger bis vor zwei Jahren noch unter strengen Arbeitsschutzregeln standen. Jetzt setzt man die sogar Kindern permanent auf und wundert sich, dass die alle Nase lang krank sind.
    Ich wünsche dir viel Erfolg beim Othopäden und viel Spaß beim Schwimmen.
    Und genieß den Frühling.
    Liebe Grüße
    Helge

    • Nein nein, liebe Helge, Deinen Hang zur Depression wollen wir ja mal auf gar keinen Fall fördern 😛

      Und dann sind diese wunderbaren FFP2-Masken für Vollbartträger wie mich auch noch absolut sinnlos. Ach ja, ich liebe dieses Thema immer noch sehr 🙄

      Beim Schwimmen bin ich dabei, um einen Orthopäden-Termin habe ich mich aber noch nicht gekümmert 😯

      Liebe Grüße
      Volker

  5. Lieber Volker,
    ich hatte noch an dich gedacht, wie es dir in der Klinik wohl geht. Ich hatte mir da ja irgendwie einen wunderschönen Ort mit vielfältigen Beschäftigungs- und Therapiemöglichkeiten vorgestellt. So wie du das beschreibst, kann ich dich sehr gut verstehen. Vor allem ist der Benzinvergleich ja schon sehr passend.
    Ich hoffe du kommst zur Ruhe zu Hause, schwimmst fleissig und findest deinen Weg.
    Liebe Grüße!

    • Tja, liebe Roni, als Du da an mich gedacht hast, war ich schon gar nicht mehr da. Nun versuche ich mein Feuer anders zu löschen. Bislang sieht es ganz gut aus 🙂

      Liebe Grüße
      Volker

  6. Lieber Volker,
    wenn es für dich besser anfühlt, nicht in der Klinik zu bleiben, dann ist es gut so. Ich wünsche dir, dass du mit deinem Alternativprogramm dein inneres Gleichgewicht wiederfinden kannst, oder sich sonst eine andere Möglichkeit der Hilfe bietet. Immerhin, der große Job-Stressbrocken ist ja nun weg, das war sicher eine große Last für dich. An der „Baustelle“ herrscht ja nun Entspannung. Vielleicht wirkt die sich ja „ansteckend“ auf deine Seele aus, so dass wieder mehr Leichtigkeit und Unbeschwertheit bei dir einkehren.
    Liebe Grüße
    Elke

    • Liebe Elke,

      mein Alternativprogramm wird sicher kein vollständiger Ersatz für professionelle Hilfe sein, soll es auch gar nicht, sondern nur eine Atempause, die ich jetzt einfach brauche. Spätestens ab Ende Juni werde ich wieder starten. Du hast Recht, ohne den Job-Stressbrocken los zu sein, würde ich wohl mit der Therapiepause nicht klarkommen.

      Im Moment geht es mir verhältnismäßig gut. Ich hoffe, dass sich das stabilisiert.

      Liebe Grüße
      Volker

  7. Lieber Volker,

    think pink! – Auch wenn das momentan nicht ganz so einfach ist! 😳

    Es tut mir leid für dich, dass es einen weiteren Schlag ins Kontor gegeben hat. Ich wünsche dir, dass du Abstand gewinnst, um dann offen zu sein für neue Anregungen, Inputs und Wege!

    Eine Frechheit ist es, meiner Meinung nach, dass sich das Kliniken heute immer noch leisten können … bzw. überhaupt leisten! Haben die keine Skrupel? – Sollte es am Personalmangel liegen … einfach mal keine neuen Patienten aufnehmen … und KOMMUNIZIEREN! – Gerade letzteres ist doch in einer solchen Einrichtung grundlegend! … oder?

    Wie Helge schreibt, könnte man da beim Lesen depressiv werden, aber auf gar keinen Fall gesunden! – Nun wünsche ich dir einen tollen Orthopäden und ein physisches Gesunden und dass dann die Psyche nachzieht!

    Schön ist es, dass es mit dem Schwimmen voran geht!

    Liebe Grüße aus Darmstadt
    Manfred

    • Lieber Manfred,

      im Moment geht es mir gar nicht mal so schlecht, meine Strategie für die kommenden Wochen scheint aufzugehen. Möge es so bleiben, dann kann ich auch diesen Schlag ins Kontor einigermaßen wegstecken.

      Personalmangel ist sicher ein Grund für meinen desaströsen Eindruck, deshalb gebe ich Dir recht, lieber mal keine neuen Patienten aufnehmen. Aber dann fehlt wieder das Geld und das ist sicher wichtiger als das Patientenwohl 😦

      Das Wasser wird immer wärmer, dass macht das Schwimmen wieder angenehmer.

      Liebe Grüße aus Oldenburg
      Volker

  8. Das liest sich, als würde die Klinik nach dem Motto behandeln: wer hier war, weiß auf jeden Fall, dass es in sonstigen Leben besser ist und vielleicht weiß er es dann zu schätzen. So eine Art „Schocktherapie“

    Wobei gekochtes Rindfleisch mit Meerrettich als was chices gilt … heißt … ich komme gerade nicht drauf …

    Lieber Volker. Es klingt bei Deinen Schilderungen nach einer guten Entscheidung. Hoffentlich hast du dadurch keine Nachteile mit Behörden oder so.

    • Nun, liebe Lizzy, auf so eine Art und Weise möchte ich aber nicht schocktherapiert werden.

      Gekochtes Rindflleisch ist chic? Nun ja, ich lege auch keinen Wert auf Froschschenkel, Austern odre Bisamrattenfleisch 😉

      Nein, Nachteile dürfte ich nicht zu erwarten haben, dieser Klinikaufenthalt geschah ja aus eigenem Antrieb. Sicher wird es Therapieauflagen für meine vorzeitige Pensionierung geben, wie die aussehen werden bleibt abzuwarten. Noch habe ich nichts schriftlich.

      Liebe Grüße und weiterhin eine gute Zeit unter südlicher Sonne
      Volker

  9. Boah, lese ich ja (leider) jetzt erst, was war das denn bitte für eine Nummer?! Du hast schon alles richtig gemacht, aber tut mir voll leid dass das so gelaufen ist. Ich dachte solche Kliniken gibts gar nicht mehr. Mach das beste daraus, genieß die schönen Tage, im See oder laufend oder gammelnd. Es wird sich etwas neues ergeben, bleib nur bitte stressbefreit.
    Liebe Grüße, Oliver

    • Tja, lieber Oliver, ich habe offensichtlich Talent für Griffe in die Sanitäranlagen. Aber momentan geht es mir ganz gut und ich fühle mich wohl, erstrecht mit der Entscheidung die Klinik verlassen zu haben.

      Das Neue werde ich bald angehen, aber jetzt gönne ich mir erst einmal diesen Abstand. Er scheint mir ja ganz gut zu tun.

      Liebe Grüße
      Volker

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