Slipers

Achtung, dat Ding is lang!

Venlo 2019, mein erster Verstoß gegen meine Absicht dieses Jahr keine Wettläufe absolivieren zu wollen. Aber die Utkiek-Truppe lag mir schon so lange in den Ohren, dass der Venloop ein Muss ist, dass ich mich zu einer Anmeldung hatte überreden lassen 🙂 Und ein Halbmarathon geht schließlich immer, wenn bei mir auch nicht oft. Die letzten halbwegs ernsthaft gelaufenen waren im Oktober 2014 der Kaiserlauf im schönen Salzkammergut und der JVA-Marathon. Danach kam nur noch der Ahrathon, der allerdings beabsichtigeter Weise eher in Weinseligkeit versank 🙂

Nun also Venlo. Das niederländische 100.000 Einwohner-Städtchen an der Maas macht einen riesigen Aufriss um den Halbmarathon, den 10er, den 5er und die Bambini-Läufe am Sonntag und die Wanderungen von 7,5 bis 40 km am Samstag. Alle Disziplinen zusammengerechnet sollen 24.000 Teilnehmer dabeigewesen sein, gigantisch.

Gigantisch auch der Trubel in der Stadt. Es herrschte Volksfeststimmung und die Stadt quoll über vor Menschen. Aber was soziophobe Menschen zum Therapeuten treibt und mir am Samstag, als wir Marion und Sylke zum Ende ihrer 30 km-Wanderung ins Ziel geklatscht hatten, teilweise fürchterlich auf den S…, Verzeihung auf die Nerven ging, sollte ich am Sonntag noch genießen.

Zurück zum Halbmarathon: Meine heimliche Hoffnung als bescheidenes Ziel mal wenigstens unter 2 Stunden zu bleiben habe ich gleich wieder begraben, nachdem 2019 für mich mental sehr schwierig gestartet war und ich mich deshalb nicht noch mit irgendeiner Art von Tempotraining belasten wollte. So war mir von vornherein klar, dass bei diesem Halbmarathon tempomäßig kein Blumentopf zu gewinnen war. Deshalb habe ich mir gedacht, dass ich dann doch etwas experimentieren könnte, mit den Pies Sucios und auch barfuß. Angepeilt hatte ich dabei nicht mehr als eine Zielzeit 2:15 Stunden.

Der Halbmarathon startete erst um 14:00 Uhr, da blieb vorher noch viel Zeit in der Stadt noch Tee und Kaffee zu trinken. Jens, der mich zu meiner großen Freude begleitet hat, und ich setzten uns vom Rest der Truppe ab, setzten uns vor ein Café und ließen uns an dem sehr frischen Vormittag von der Sonne bescheinen. Um 12:00 startete der 10 km-Lauf und es dauerte eine gute Viertelstunde bis kurz nach dem Start das gesamte Teilnehmerfeld auf Sichtweite zum Café an uns vorbeigelaufen war, wie gesagt gigantisch. Auf dem Weg zum meinem eigenen Start verweilten Jens und ich noch etwas an der Strecke, verpaßten allerdings Freya, sahen dafür aber einen Barfußläufer.

Orga-mäßig haben die Venloer ihr Mega-Event voll im Griff. Im Vorfeld ist alles super gelaufen und am Lauftag klappte von der Taschenabgabe bis zur Startaufstellung alles wie am Schnürchen. Als um 14:00 der Start erfolgte, dauerte es sage und schreibe eine Viertelstunde bis ich die Startlinie überqueren konnte, gigantisch!

Und damit bin ich nun endlich beim „Rennen“ selber. Zu meiner großen Überraschung konnte ich ab der Startlinie frei laufen und der erste Kilometer durch die Innenstadt verlief mit einer 5 vor dem Doppelpunkt schon ebenso überraschend flott. Ich lief die ersten Kilometer noch mit meinem Wegwerf-Shirt, da es mir anfänglich einfach noch zu frisch war. Nach Kilometer 4 erst legte ich es am Wegesrand ab, die Venloer mögen mir die späte Entsorgung nachsehen. Für mich lief es easy und ich war flotter unterwegs als ich mir vorgenommen hatte. Nur vier der 21 km hatten eine 6 vorne stehen und als ich bei einem abgepiepsten Kilometer etwas von 5:37 laß, entfuhr mir ein überraschtes „Fuck“, was meinen Nebenmann veranlaßte mich zu fragen, ob alles in Ordnung sei 😆

Was Venlo wirklich einzigartig macht ist die Stimmung an der Strecke. Immer wieder sind ganze Straßenzüge geschmückt, überall wird Musik gespielt, live und aus großen Anlagen, und es sind unglaublich viele Menschen an nahezu der gesamten Strecke, die dort Party machen und anfeuern.

Meine grobe Planung war es die ersten 11 Kilometer in den Pies Sucios und die letzten 10 km barfuß zu laufen. Weil es aber so gut lief, verschob ich das Ausziehen der Sandalen immer weiter nach hinten, zumal auch die Qualität einiger Straßendecken für mein Barfußauge etwas zu wünschen übrig ließ. Aber alleine schon mit den Sandalen war ich der Hingucker. Immer wieder schrien Zuschauer auf, wenn sie mich sahen und ich hörte immer wieder der läuft in „Slipers“. Immer wieder wurde auch mein Name gerufen. Auch aus dem Läuferfeld gab es Interesse von „Guck mal, der läuft in Badelatschen“ über „Haben die denn noch etwas Dämpfung“ bis hin zu Respektbekunden war alles dabei.

Viereinhalb Kilometer vor dem Ziel hatte ich die Sandalen dann in den Hosenbund gesteckt und bin barfuß weitergelaufen. Leider folgte kurz darauf noch einmal richtig schlechter Asphalt, aber ich konnte trotzdem mit Ach und Krach mein Tempo halten. Ein Läufer mit ein paar Pfunden zuviel auf den Rippen, der es auf der ganzen Strecke offensichtlich nicht verknusen konnte, wenn ich ihn in den Sandalen überholte und dann immer wieder anzog, ließ mich barfuß entgültig ziehen und kundete mir sogar Respekt. Für die Zuschauer war ich nun noch mehr der Hingucker, wobei ich die Bemerkungen auf niederländisch leider nicht verstanden hatte 🙂 Auf dem letzten Kilometer ging es zurück in die Fußgängerzone. Ab hier glich die Strecke einem Hexenkessel. Noch nie habe ich soviel dröhnende Musik erlebt und noch nie ein so frenetisches Publikum gesehen. Auf den angenehm zu laufenden Pflastersteinen konnte ich noch einmal richtig aufdrehen und war nur noch am überholen. Eine Läuferin sagte zu ihrer Partnerin völlig entgeistert „Der überholt uns barfuß“ und auch die Zuschauer wurden immer wieder auf meine baren Füße aufmerksam und ständig wurde mir etwas zu- oder mein Name gerufen. Ich kann nur sagen, wer in Sandalen oder barfuß läuft, ist in Venlo so eine richtige Rampensau und sticht jeden Läufer in Verkleidung locker aus 😆

Aber nun, episch langes Geschreibsel, kurzes Ergebnis: Nach 2:04:17 Stunden lief ich über die Ziellinie und konnte überraschend unter 6er-Schnitt bleiben. Das absolut Genialste aber war, dass es in den Sandalen und barfuß einfach rund lief und ich die ganze Strecke entspannt und ohne Ansprengung laufen konnte. So konnte ich mir treu bleiben, mir macht es eben am meisten Spaß wenn ich mich nicht quälen muß und in meiner Komfortzone bleiben kann 😛 Und Spaß hat mir dieser Halbmarathon gemacht, defintiv!

Ich ließ mir von einem Herrn im schwarzen Anzug und mit Fliege die Finishermedaille umhängen und nachdem wir uns alle wieder versammelt hatten, blieb noch ein Teil unserer Truppe bis die allerletzten Läufer ins Ziel kamen. Ganz großes Kino: Bei immer noch viel Publikum und mit Polizeimotorrädern mit Blaulicht und Sirene als Eskorte liefen die letzten beiden Läufer ins Ziel. Gigantisch!

Fazit: Es ist wirklich gigantisch was diese vergleichsweise kleine Stadt da für ein Läuferevent auf die Beine stellt, sowohl das Organisatorische auf der einen Seite als auch die Beteiligung der Bevölkerung auf der anderen Seite. Die vielen Menschen auf und neben der Strecke und den ganzen Trubel muß man dabei allerdings mögen. Aber warum nicht mal? Meine Ruhe habe ich ab sofort wieder an der Hunte.

Was ich aber wirklich nicht gedacht hätte ist, dass das Laufen in den Sandalen und barfuß (immer noch) so viel Aufmerksamkeit erregt. Auch das muß man mögen 😀

Glückwunsch auch an die gesamte Oldenburger Gang, die alle gut ins Ziel gekommen sind, ob wandern oder laufend. Es war mir ein Fest! 🙂

Sieben Gläser Wein

… können uns nicht gefährlich sein! So nenne ich, frei nach Roland Kaisers Schlager von anno quark, diesen Post. Der sang zwar seinerzeit von sieben Fässern, aber wir wollen es mal nicht übertreiben. Immerhin stimmt die Zahl 7.

Wovon rede ich überhaupt ❓ Natürlich vom Ahrathon 2016 ❗

Aber bevor ich bezüglich des Ahrathons in die Details gehe, bedarf es noch eines kurzen Blick auf den Vortag. An diesem Tag reiste ich schon nach Köln, wo mich meine Gastgeberin Elke am Bahnhof empfing. Da es regnete, bot sich ein standesgemäßer Zeitvertreib im Deutschen Sportmuseum an. Hier verbrachten wir den Nachmittag bevor wir uns mit Elkes eidgenössischen Ehemann zum Essen trafen. Danach ging es weiter ins Gaffel am Dom, wo sich für eine gute Stunde Anja zu uns gesellte. Für mich ein sehr freudiges Wiedersehen, für Anja, Elke und Chris ein erstmaliges und sicher nicht letztes Zusammentreffen.

17.06.16 01

Genial, dass das Treffen trotz Anjas Zeitknappheit geklappt hat

Nun aber zum Ahrathon, zu dem wir uns am Samstag morgen auf den Weg machten. Diesen auf der Halbmarathondistanz zu bestreiten hatten sich vorgenommen: Elke, Heidrun, Doris, Chris, meine Wenigkeit und noch ein paar tausend Andere.

Dieser Lauftag war für mich so überladen mit Eindrücken, dass ich ihn deshalb mal in seine Bestandteile zerlege:

Der Lauf:

Vom 5 km-Lauf, über 10-km, Halbmarathon und Marathon wurde hier alles geboten, inklusive Kostüm- und Staffelwertungen. Der Halbmarathon hatte mit Abstand das größte Teilnehmerfeld. Es war so groß, dass in drei Wellen gestartet werden muße. Die Organisation klappte, das Teilnehmerfeld war bunt. Allein in unserer 5-er-Gruppe war vom frischgebackenen 100 km-Biel-Bezwinger bis zur Halbmarathondebütantin alles vertreten.

Wer allerdings Bestzeiten laufen will, sollte sich eine andere Laufveranstaltung suchen, speziell an den Verpflegungspunkten ist für die Schnellen kaum ein schnelles Durchkommen. Darauf komme ich aber nochmal zurück.

Die Landschaft:

Man fühlt sich an die Mosel versetzt, die Hänge entlang der Ahr dienen nahezu ausschließlich dem Weinanbau. Für einen wie mich, der sonst nur Marsch, Geest, Hunte, Wiesen und Deiche kennt, ist die hügelige Landschaft nahezu exotisch. Ich nenne sie aber mal lieblich. Ich denke, dass trifft es ganz gut. Wenn auch die Steigungen diesen Charakter auf kurzen Etappen schon einmal verlieren können. Die mindersteilen Passagen kam ich zwar inzwischen ganz gut hoch, aber etwas giftigere Anstiege ließen mich dann doch wieder in den Gehmodus wechseln, was bei diesem Lauf aber eh keine Rolle spielte.

Lieblich auch die Orte und auch die Ahr, wenige Wochen nach den Unwetterfluten. Das wir sogar einen Paß überquert hatten, war aber wohl doch eher nur mir aufgefallen 🙂

Warum ich allerdings so merkwürdige Blicke erntete, als ich beim Anblick von Schloß Neuschwanstein in Verzückung geriet, verstehe ich auch nicht :mrgreen:

18.06.16 13

Neuschwanstein müßte nur mal wieder gestrichen werden

Die Verpflegung:

Warum die Verpflegung einen Extrapunkt darstellt? Nun, weil eben diese das Highlight dieses Laufes darstellt. Nicht Wasser, Iso oder Tee ist hier die hauptsächliche Flüssigkeitsversorgung, sondern -wer hätte das gedacht- der Wein. Und da bekanntlich gut essen muß, wer gut trinken will, ließ auch das Feststoffangebot nichts, aber auch garnichts zu wünschen übrig. Beim Ahrathon können auch Gourmets die Laufschuhe schnüren, sie würden definitiv nicht enttäuscht werden.

Die Stimmung:

Unglaublich, dass bringt es am besten zum Ausdruck, die Stimmung war einfach unglaublich. Daran war sicher nicht nur der Wein, sondern auch das absolut perfekte Wetter schuld. Wie eingangs erwähnt hat hier nur der eilige Läufer ein Problem, sich einen Weg durch die gutgelaunten Normalo-Läufer zu bahnen. Mein Mitleid hält sich da in Grenzen, schnell geht halt anderswo.

Ein Beispiel zur Stimmung? :

Der Ahrathon bittet zum Tanz:

Die Gruppe:

Fünf Läufer/-innen, fünf Läufertypen, aber der Ahrathon vereint alle. Biel-Bezwinger oder Erst-Halbmarathon-Bezwingerin, dass spielt beim Ahraton keine Rolle. Und so laufen auch einmal Eheleute zusammen einen „Wettkampf“, die dies sonst nie tun würden. Kein Wunder bei den Durchschnittschnittsgeschwindigkeiten, der beispielhaft angezeigte 17. Kilometer war bei weitem nicht der langsamste 😀

Allerdings hatte ich das Gruppenerlebnis zum Schluß etwas getrübt. Auf den letzten Kilometern war ich etwas weiter vorne und dann überkam mich eine spontane Lust zu rennen und ich lief alleine durchs Ziel. Das gab mir aber wenigstens die Möglichkeit die anderen Vier beim Zieleinlauf zu fotografieren.

18.06.16 41

Im Ziel vereint

Irgendetwas um 3:30 Stunden haben wir gebraucht, persönliche Schlechtzeit 😀 Welchen Platz wir belegt haben? Keine Ahnung, wen interessiert das? Die letzten waren wir aber nicht 😎

Das Fazit:

Ein Lauf der anderen Art. Hier geht es nicht um Bestzeiten und Platzierungen, hier geht es um Spaß an der Freude, Spaß am Laufen und um Wein und Genuß. Eine erfrischende Alternative zu den üblichen Wettläufen. Aber eines darf man nicht vergessen, trotz oder gerade wegen dieser Besonderheit des Ahrathon wollen 21,1 km oder gar 42,2 km erst einmal gelaufen werden.

Dem tut der Genuß von ein paar Tröpfchen Wein aber absolut keinen Abbruch. Davon hatte ich gleich zu Beginn des Laufes  drei Laufmädels in Lila und Pink überzeugt, obwohl ich gar nicht wissen konnte, dass es so kommt. Oder doch …?