Die stille Seite

Ich gebe zu, der Reiz von Sylt liegt für mich an der Westseite. Hier wo die Insel ihre fast 40 km lange Flanke der offenen See zuwendet, rauscht das Meer und tobt die Brandung, speziell wenn -wie gestern- eine steife Brise pfeift.

Aber Sylt hat auch eine ruhige, stille Seite, die Ostseite. Diese ist dem Wattenmeer zugewandt. Der stetige Westwind wird hier von der Insel abgefangen und hier zieht sich das Meer zweimal täglich im Wechsel der Gezeiten zurück und es läßt sich durch das Watt laufen. Auf dieser geschützten Seite liegt auch der Hafen von Hörnum.

Nach täglichen Läufen am Weststrand hat es mich heute einmal in diese Stille gezogen. Menschen sind hier nur wenige unterwegs. Auf der Wattenseite befindet sich die Kinderstube der Vogelwelt, deshalb kann man nicht überall uneingeschränkt laufen. Auch heißt es beim Trab durchs Watt ein Blick auf die Muscheln zu halten, sonst könnte das Barfußlaufen aufgrund der Scharfkantigkeit durchaus schmerzhafte Folgen haben.

Was an der Wattenseite auch fasziniert sind die ganz anderen Lichtverhältnisse, das Watt und die ruhige See spiegeln in der Sonne und auch der Himmel wirkt noch einmal höher als über der rauhen See. So hat auch die Stille durchaus ihre spektakulären Seiten.

Stille

Die Sonne war da! Kräftig strahlte sich vom stahlblauen Himmel. Zwar fegte der eisige Ostwind noch jeden Gedanken an den Frühling beiseite, aber dem Gemüt tats gut. Hinter Glas wurde es aber schon richtig schön warm. So stellte ich mein Auto in meiner heutigen Mittagspause an den Küstenkanal in die Sonne, rutschte auf den Beifahrersitz rüber, schnappte mir mein Buch und las.

Wohltuend war diese Wärme, die das Wageninnere erfüllte, mild, angenehm und tiefenentspannend. Der Tacho und der Drehzahlmesser vom Auto standen auf Null und auch mein Tacho stand auf Null, pure Entschleunigung für den Moment. Nach einem Kapitel legte ich das Buch wieder weg und blinzelte in das gleißende, glitzernde Sonnenlicht, das auf den kleinen Wellen tanzte. Es war unglaublich ruhig.

14-02-17-01

Ich horchte in die vollkommene Stille. Der Wind bewegte das Wasser, Äste und Zweige an den Bäumen, zuhören war davon im Auto nichts, eine beinahe surreale Stille. Ich wünschte mir Unendlichkeit, hätte dieses Hier und Jetzt gerne festgehalten und bewahrt. Wohlwissend, dass das alles mit dem Dreh des Zündschlüssels wieder vorbei sein würde. Dass machte diese kurze Zeit nur um so kostbarer. Ein kleines Auto war für eine kurze Zeit wie ein Haus am Meer, wie eine Hütte in den Bergen.

Von dieser wunderbaren Mittagspause konnte ich dann auch noch während meines Laufs zehren. Da war nämlich nicht viel mit Stille. Überall war viel Verkehr und auch auf meiner Huntestrecke war Betrieb wie an einem Hochsommertag. Wer will es den Leuten verdenken, alles sehnt sich halt noch Sonnenlicht. Aber sie müssen sich wohl auch erst wieder dran gewöhnen, freundlich geguckt hat nämlich kaum jemand und von drei entgegenkommenden Läufern hat auch nur einer gegrüßt. Sei es drum, der klare Himmel und die Tatsache, dass ich schon fünf Minuten nach Sonnenuntergang wieder zuhause war, bescherte mir diesmal einen richtig hellen Feierabendlauf.

 Da verschmerzte ich auch das erneut leckere Aroma in der Luft 😆

14-02-17-08

Jam Jam Jam