Zu kurz gesprungen

Timejumper – das war DAS Stichwort für die Nacht des 30.10.2016. Jeder der in dieser Nacht auf die Marathondistanz des Bestzeitmarathons in München gegangen ist, wollte einen Sprung durch den Zeittunnel machen, um um drei Uhr auf zwei Uhr zurückkatapuliert zu werden. Beim Rausch durch diesen Zeittunnel ergibt sich auf magische Art und Weise für die Teilnehmer eine unglaubliche Verbesserung ihrer bisherigen Marathonbestzeit 🙂

Kein Wunder also, dass auch der nicht ganz so schnelle Deichläufer auf diesem Wege seine bisherige Marathonbestzeit pulverisieren wollte. Dazu begab er sich bereits am Freitag in Begleitung seiner besseren Hälfte über eine andere magische Grenze, die des Weißwurstäquators, um die Hauptstadt der Bajuwaren zum Zwecke des Timejumpens, also zum Zeitspringen, aufzusuchen.

Zeigte sich dabei der Freitag noch sonnig, stand der Samstag schon ganz unter dem Eindruck der bevorstehenden, mystischen, nächtlichen Ereignisse: Es war grau, nieselig und diesig. Je näher das Ereignis rücke, je finsterer und nebeliger zeigte sich die Stimmung. Auch die Temperatur stand unter dem Eindruck der Mystik und sank gefühlt nahezu ins Bodenlose.

Deshalb galt es nicht nur die Ausrüstung startklar zu machen, sondern sich auch bis zum Start in den Zeitsprunglauf ordentlich warm zu halten.

Pünktlich um Mitternacht machten sich dann ca. 200 erwartungsfrohe Läufer auf den Weg in die Nacht der Nächte. Ungefähr die Hälfte von ihnen startete zur Mission Timejump. Die restlichen Läufer begaben sich auf die Halbmarathonstrecke und beendeten dadruch ihren Lauf leider schon bevor sich für sie der Zeittunnel auftun konnte.

Die Timejumper waren angehalten 20 Runden um den Riemer See zu laufen, der sich dem Anlaß entsprechend ins Dunkel hüllte und teils dichte Nebelschwaden über das Läuferfeld schickte, das stirnlampen beleuchtet und mit teils bunten Leuchtringen bewehrt, ein langes Lichtband durch die Nebelnacht abbildete.

Zu diesem Zeitpunkt schwenke ich auf die persönliche Sicht des Deichläufers, sprich auf mich um:

Die ersten 2,1 km-Runden vergingen wie von selbst, es lief für mich wie es laufen sollte und trotzdem spürte ich recht schnell, dass sich da irgendein Unwillen in meinem Kopf breitmachte. Ein Unwille, der sich irgendwie gegen die zu absolvierenden 42,2 km sperrte. Dieser Unwille wurde auch noch genährt durch ein sehr starkes und schnelles Läuferfeld. Schnelle Halbmarathonis und Staffelläufer und auch die meisten Marathon-Timejumper überrundeten mich mal um mal. Was mich sonst nie stört, demotivierte mich und gab dem haderenden Kopf Zuspruch. Zudem gab es auf jeder Runde eine 160 m lange Holzbrücke zu laufen, die auf dem letzten Drittel durch die nebelig-feuchte Luft rutschig war. Grundlegend war das nicht dramatsich, aber es sorgte doch jedesmal für ein leicht verkrampftes Laufen. Noch vor Vollendung der Halbmarathon-Distanz murrten dann auch die Fersen. Nicht da, wo sie es seit Wochen schon tun, sondern oberhalb mehr im Bereich der Achillessehnen. Nicht, dass mich das irritiert und genervt hätte, aber es hatte mich irritiert und genervt.

Als ich vor zwei Jahren beim Bestzeitmarathon auf der Halbmarathondistanz gestartet war, hatte ich im Ziel gedacht, dass ich noch gut hätte weiterlaufen können. Diesmal dachte ich zur Vollendung der Halbmarathondistanz, dass ich auch gut hätte aufhören können.

Nachdem dann die Halbmarathonis alle im Ziel waren, wurde es recht einsam auf der Strecke. Ich wurde aber nach wie vor überrundet, durfte aber auch ingesamt zwei oder dreimal überrunden.

Kopf und murrendes Fahrgestell gingen immer mehr eine unseelige Allianz ein und somit beschloß ich noch die 30 km vollzumachen und dann den Lauf zu beenden. Die letzte Runde mochte ich dann schon nicht mehr durchlaufen, was dann auch noch der wohl langsam gegen 0° gehenden Kälte die Gelegenheit gab zuzubeißen.

Ziemlich genau mit 30 km habe ich den Marathon Marathon sein lassen und das Spiel beendet. Immerhin eröffnete sich für mich noch der Zeittunnel und mit ihm der Zeitsprung auf eine sensationelle 30 km-Zeit von um die 2:10 Stunden 😀 Timejumper! Zeitspringer! Hurra, wenn auch kürzer gesprungen als geplant.

Was mich nun wirklich genau zum DNF gebracht hat, kann ich gar nicht so genau sagen, aber nach einer kurzen Zeit leichter Frustation und Enttäuschung war ich erstaunlich schnell mit mir im Reinen. Ich hatte schlußendlich keinen Spaß mehr und mit schmerzenden Haxen wären die letzten 12 km definitiv kein Vergnügen geworden.

Aus Spaß an der Freud war ich aber angetreten. Ohne diesen brauchte und wollte ich mich nicht über die volle Distanz zu quälen. Schließlich laufe ich für mich und muß niemanden, nicht mal mir selber, etwas beweisen. Ich bin nach München gereist um einen nächtlichen Marathon zu laufen, 30 km sind es geworden. Schlußendlich habe ich mich trotz der Beschwerden aber nicht verletzt, das zeigt mir, dass ich heute schon wieder ganz gut zu Fuß bin. Das ist wichtig!

Was bleibt: Ein schönes Wochenende in München bei lieben Freunden. Das Erleben einer perfekt und mit viel Herzblut gestalteten Laufveranstaltung (die aber auch kurzzeitig der Mystik des Zeitsprunges erlegen ist, da kurz vor dem magsichen Zeittunnelmoment ein Stromausfall den aufblasbaren Zielbogen zusammensinken und die optische Zeitanzeige ausfallen ließ). Genauso bleibt der gelinde Stolz überhaupt um Mitternacht zu einem Marathon angetreten zu sein.

Was mir noch wichtig ist: Ich möchte mich ganz besonders bei Familie Timekiller für die tolle, unkomplizierte Gastfreundschaft, beim gesamten Bestzeitmarathon-Orga-Team für die geniale Veranstaltung und bei Jens für die Begleitung in die kalte, nebelige Timejump-Nacht bedanken.